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Gibt es in Deutschland einen Rechts- oder Linksruck?

Mit ist aufgefallen, dass sich in Deutschland die politischen Lager nicht einmal mehr einigen können, ob es in den letzten Jahren einen Rechts- oder Linksruck gab.
Dabei klingt das jetzt wirklich nicht nach einer Frage, die übermäßig kontrovers oder in ihrer Beantwortung intellektuell überfordernd sein sollte.

Was spricht für einen Rechtsruck?
Nun, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kann man auf wirtschaftlichem Gebiet einen Siegeszug der Marktwirtschaft nicht leugnen. Russland, China, die alten kommunistischen Länder sind jetzt kapitalistisch geworden, wenn auch nicht demokratisch. Das wirtschaftsliberale Denken hat sich durchgesetzt, Linke sprechen von einem Siegeszug des Neoliberalismus und des Egoismus.
Auch die neuen Medien, die zahlreiche große und kleine Instagramm- und Youtube-Sterne aufsteigen und verglühen lassen, fördern zumindest scheinbar die Ich-Ich-Ich-Gesellschaft.
Wo jeder sich selbst der Nächste ist und eine Zusatzrentenversicherung braucht, weil er sonst im Alter nur noch in Armut vor sich hin vegetieren kann, scheint gesellschaftliche Solidarität abgemeldet zu sein. Und es gibt jetzt die AfD. Braucht es noch mehr Beweise für einen Rechtsruck?

Was spricht für einen Linksruck?
Nun, wenn man Aussagen von Helmut Schmidt aus den 1980ern betrachtet, der bestimmte Zuwanderergruppe für inkompatibel mit der deutschen Gesellschaft erklärt, dann scheint die SPD der 1980er so rechts gewesen zu sein wie heute die AfD. Forderung, die vor 40 Jahren nur radikale Feministinnen gestellt haben, sind heute im Mainstream angekommen. Zahlreiche zentrale politische Fragen, wie zur Atomkraft, zur Zuwanderung, zum Euro, sind dem Anschein nach im Interesse der linken Gesellschaftshälfte gelöst oder zumindest entschieden worden. Statt wie früher eine linke Partei (SPD) gibt es heute drei linke Parteien (Linke, Grüne, SPD)1. Und von Union und FDP haben sich quasi die rechten Flügel abgespalten und die AfD gegründet, weil die Union ihnen unter Merkel zu weit in Richtung SPD gerückt war. Ist das nicht Beweis genug für einen Linksrück großer Teile des politischen Spektrums?

Nun, man könnte auch behaupten, dass Rot-Grün mit Schröder, der Agenda 2010, Hartz IV, Praxisgebühr und der Teilnahme am Balkan-Krieg eine Art „Rechtsruck von Links“ betrieben hätte, oder man könnte behaupten, dass Angela Merkel mit dem Atomausstieg-Austieg-Ausstieg und ihrer permissiven Migrationspolitik einen „Linksruck von Rechts“ hingelegt hätte.

Tatsächlich muss man wohl sagen, dass die eindimensionale Rechts-Links-Achse die Verschiebungen in den verschiedenen Politikfeldern nicht abbilden kann. Wirtschafts- oder sozialpolitisch mögen wir einen Rechtsruck haben, an anderen Stellen haben sich aber tendenziell linke Positionen durchgesetzt. Wenn es mehr Genderlehrstühle gibt, aber auch mehr Geld für die Bundeswehr, dann sind das Dinge, die man im einzelnen eher links oder rechts finden kann, es sagt aber über die Gesellschaft an sich wenig aus. Zumal ich glaube, dass die Verhältnisse der politischen Einstellungen der Menschen sich im Schnitt in der Masse nicht wirklich ändern.

Von daher würde ich konstatieren: Alles verändert sich. Und wer (nur) einen Links- oder Rechtsruck erkennen will, der sieht womöglich einfach nur (nur), was er sehen will.

  1. wobei die Linkspartei als Abspaltung der SPD gesehen werden kann, als Konsequenz des „Rechtsrucks“ der SPD unter Schröder (nach der SPD-Fundamentalopposition gegen alle Reformen unter Lafontaine) []

Eiertanz um das „Z-Wort“

Auf Twitter geht es aktuell heiß her, weil in einer Wiederholung einer WDR-Sendung („Die letzte Instanz“) vom November Menschen die Ansicht geäußert haben sollen, es sei nicht schlimm, „Zigeunersauce“ (oder Schnitzel?) zu sagen.

Menschen mit ausgeprägtem Identity-Politics-Hintergrund, die aus irgendeinem Grund auch als „PoMos“ (Post-Modernisten?) bezeichnet werden, starteten daraufhin einen veritablen Shitstorm, weil das Wort „Zigeuner“ verletzend sei. Mehrere Teilnehmer der Sendung „Die letzte Instanz“ sahen sich daraufhin gezwungen, sich für ihre mangelnde Sensibilität zu entschuldigen.

Nun ist es so, dass nicht wenige Zigeuner den Ersatzbegriff „Roma und Sinti“ ablehnen, weil es neben diesen Gruppen noch viele weitere gibt, so dass sie den Begriff „Zigeuner“ bevorzugen.

Was die Leute auf Twitter kritisieren, ist aber nicht nur, dass der angeblich diskriminierende, rassistische, verletztende Begriff Zigeuner als Fremdbezeichnung benutzt wird, sondern auch, dass man das Wort an sich überhaupt ausschreibt oder ausspricht.

Es tut mir ja wirklich leid für die Anhänger der Identity-Politics, aber wie mehrere Leute auf Twitter bereits festgestellt haben ist die Vermeidung des Aussprechens oder Ausschreibens von Worten eine höchst lächerliche Angewohnheit, die an Harry Potter erinnert, wo der Name des dunkeln Lords, von Du-weißt-schon-wem, von IHM … (Voldemort!), von vielen Zauberern nicht ausgesprochen wird.

Das Problem an der Abkürzung auf einen Buchstaben ist nicht nur, dass man so nur ca. 26 Worte so abkürzen kann. Nein, die Assoziation mit dem richtigen Wort wird nicht verhindert, es resultiert also nicht wirlich eine „Entlastung“ der angeblich von dem Wort als solchem verletzten Gruppe.

Vielmehr ist die (wirkungslose) Etablierung von Ersatz-Abkürzungs-Wörtern für „böse Worte“ nur eine Methode der Lagerbildung und Abgrenzung. Interesse und Sensibilität für die „geschützte Minderheit“ wird kraft der Verwendung der Ersatzwörter symbolistisch nur inszeniert. Durch diese Handlung soll meinem Eindruck nach moralische Überlegenheit gegenüber der Gruppe der als „gedankenlos, grob und gefühllos“ geframten Normalmenschen ausgedrückt bzw. erreicht werden.

Besser wird die Welt durch die moralische Selbstüberhöhung einer selbsternannten Gruppe besserer Menschen natürlich nicht, es wir nur eine künstliche Spaltung der Gesellschaft in die guten, bewusst Sprechenden und die zurückgebliebenen, groben, Dummen etabliert.

Sicher, wenn Schwarze lieber Afrodeutsche genannt werden wollen als Neger sollte man das machen, aber auf die Albernheit, Worte an sich nicht mehr auszusprechen oder auszuschreiben weil sie als Wort an sich immanent schädlich und belastend seien sollten wir uns nicht einlassen.
Denn falls ein Wort wirklich eine negative Konnotation hat, dann wird ein Wortwechsel das nicht verhindern, sondern treibt nur die „Euphemismus-Tretmühle“ an.

Taschenlampen zu Pistolen oder: Stefan Anpalagan und die (nicht wirklich) gewaltbereite Polizei von Hamburg-Langenhorn

Stefan Anpalagan schreibt auf Twitter über einen Polizeieinsatz in Hamburg, über den die Morgenpost berichtet:
Ein schwarzer Lehrer wird in einem Schulgebäude für einen Einbrecher gehalten. 15 (!) Polizisten marschieren an, zielen mit ihren Waffen auf ihn und glauben ihm nicht, dass er Lehrer an der Schule ist.  /1 Polizeieinsatz in Hamburg: Weil er schwarz ist? Lehrer wird für Einbrecher gehalten | MOPO.de Die Anruferin klingt aufgeregt. Ein schwarzer Mann sei in die Schule eingebrochen, meldet eine Jugendliche in Langenhorn Ende November der Polizei und löst damit einen Großeinsatz aus. Doch der Mann,... mopo.de 6:15 nachm. · 26. Jan. 2021·Twitter Web App 3.182  Retweets 410  Zitierte Tweets 9.296  „Gefällt mir“-Angaben Stephan Anpalagan @stephanpalagan · 14 Std. Antwort an  @stephanpalagan "Er weist die Beamten darauf hin, dass er einen Schlüssel für die Schule habe und Lehrer sei. "Den Polizisten reichte meine Antwort nicht". Sie hätten ihm Fragen gestellt: Wie die Schulleitung heiße, wer der Hausmeister sei."  /2 Stephan Anpalagan @stephanpalagan · 14 Std. "Einige Telefonate später erhält er seinen Ausweis zurück. "Vorher musste ich erklären, wo ich geboren bin und seit wann ich in Deutschland sei". (...) Ende November schreibt er einen Brief an die Beschwerdestelle der @PolizeiHamburg . Bis heute hat er keine Antwort erhalten."  /3 Stephan Anpalagan @stephanpalagan · 14 Std. Ach ja: "Dass eine blonde Kollegin von Spenner früher am Tag in der Schule war, hatte niemand bei der Polizei gemeldet."  Ich finde, dieser unfassbare Vorfall könnte ein wenig Öffentlichkeit vertragen... Vielleicht hat die Polizei Hamburg ja Zeit und Lust sich zu äußern.  /4:

Folgendes war anscheinend der Ablauf:

  1. Eine 14-jährige informiert die Polizei am Samstag abend über einen möglichen Einbruch in einer Schule, mit schwarzem maskierten Einbrecher; die Polizei rückt mit 15 Beamt:innen an.
  2. Sie verlangen, dass er sich ausweist und stellen Fragen, wer er ist und ob er sich in bzw. mit der Schule auskennt. Später führen Sie dann Telefonate um festzustellen, ob er wirklich Lehrer ist.
  3. Am Ende darf der Lehrer unverletzt gehen.

Aus irgendeinem Grund soll die Polizei jetzt rassistisch gehandelt haben. Prüfen wir das doch mal und gehen alle Schritte durch:

1. Die 14-jährige informiert die Polizei: Hätte die Polizei nicht reagiert, wäre sie später der Depp gewesen. Sie musste also diesen möglichen Einbruch ernst nehmen. Dass die Polizei nur einen Streifenwagen geschickt hätte, hätte die Schülerin den möglichen Einbrecher als älteren weißen Mann mit Ellenbogenflicken auf seinem Cordanzug und Bart beschrieben, ist absolut möglich. Insofern gibt es hier tatsächlich eine Ansatzpunkt für den Verdacht des (Alltags-)Rassismus.
Wenn man völlig außer Acht lässt, dass die Polizei ihren Job in der Realität ausübt, und nicht in einem Seminar über Identitätspolitik und Antirassismus, und dass die Polizei wahrscheinlich öfter mit jungen schwarzen Kriminellen zu tun hat als mit jungen schwarzen Lehrern, die freiwillig Sonntags den Unterricht vorbereiten und dabei maskiert in der Dunkelheit in einer leeren Schule herumlaufen, muss man wahrscheinlich sogar auf Rassismus kommen. Allerdings könnte und müsste man den Rassismus dann doch eher der Schülerin anhängen, die einen schwarzen Lehrer Sonntags in einer Schule meldenswert fand, als der Polizei.
Es war jedenfalls nicht verwerflich, dass die Polizei mehrere Streifenwagen geschickt hat, denn sie konnte nicht wissen, dass tatsächlich nur ein Lehrer und nicht mehrere Einbrecher in der Schule waren. Von daher ist es falsch, diesen Schritt der Polizei als eine Art Auftakt zu rassistischer Polizeiwillkür darzustellen.

2. Als der Lehrer behauptet, Lehrer zu sein, glauben ihm die Beamten nicht. Er wird ins Lehrerzimmer eskortiert, weil dort sein Ausweis liegt. Dabei stellen die Polizisten fragen um zu prüfen, ob er Insider-Wissen über die Schule hat.
Das ist wohl eher eine Standardvorgehensweise. Man stelle sich vor, die Polizei würde einfach glauben, dass jemand, der Sonntags in einem Gebäude angetroffen wird, auch dort sein darf, und darauf verzichten, dass er sich ausweist. Das geht nicht. Und das weiß auch Stefan Anpalagan, tut aber so, als wäre es nicht so. Möglicherweise spricht der Lehrer Herr Spenner, der laut MOPO als Straßenkind in Kenia aufgewachsen ist, mit Akzent. Möglicherweise veranlasst das die Beamten, ihn zu fragen, wo er geboren sei und wann er nach Deutschland gekommen sei. Für Herrn Anpalagan ist das wahrscheinlich schon blanker Rassismus, aber um die Plausibilität der Geschichte von jemandem zu prüfen, der keinen Ausweis hat und unter dem Verdacht steht, ein Einbrecher zu sein, aber behauptet Lehrer zu sein, vielleicht keine wirklich dumme Strategie. Auch Telefonate, um festzustellen, ob jemand an einem bestimmten Ort arbeitet, erscheinen taugliche Mittel zu sein, um diese Feststellung treffen zu können.

3. Nach dem Abschluss der polizeilichen Maßnahme kann der Lehrer unverletzt gehen, aber ist den Blicken von Schaulustigen ausgesetzt. Tja – hätte die Polizei den Lehrer vielleicht im Auto mitnehmen sollen? Ich denke eher nicht.

Laut Hamburger Morgenpost trugen die Polizisten schußsichere Westen und Waffen. Nun ist Hamburg-Langenhorn nicht wirklich ein Hort der Kriminalität, aber schußsichere Westen und Waffen gehören wohl in Hamburg zur Standardausstattung der Polizei, und sind in Zeiten steigender Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamten anscheinend auch notwendig und sinnvoll:

Obwohl im Morgenpost-Artikel davon keine Rede ist, schreibt Anpalagan:
15 (!) Polizisten marschieren an, zielen mit ihren Waffen auf ihn und glauben ihm nicht, dass er Lehrer an der Schule ist.

Tatsächlich schreibt die Morgenpost aber nur:

„Plötzlich höre ich Schritte und Stimmen und schon steht vor dem Fenster ein Mann mit gezogener Waffe“, erinnert sich Spenner. „Hinter ihm kommen weitere Uniformierte in hektischem Lauftempo heran. Ungefähr fünfzehn insgesamt. Taschenlampen richten sich mit ihrem grellen Licht auf mein Gesicht, so dass ich geblendet bin. Gerade noch erkenne ich die Reflektoren, die den Schriftzug „POLIZEI“ ergeben.“

Die Polizisten marschieren also nicht (aber wenn eine Gruppe als „rechts“ geframed werden soll, wird bei deutschen Journalisten und Aktivisten grundsätzlich immer marschiert), sondern laufen schnell herbei.
Die Beamten richten ihre Taschenlampen auf den Lehrer, so dass er geblendet wird, was eine kluge Idee ist, wenn man einen potenziellen Einbrecher stellen will. Mindestens ein Polizist hat seine Waffe gezogen, was möglicherweise eine gute Idee ist, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der Lehrer auch ein vollkommen zugedröhnter Junkie oder psychisch kranker Amokläufer sein könnte, der sich in der Schule verstecken wollte, oder ähnliches, und dass er bewaffnet sein könnte.

Anpalagan macht in seinen Tweets aus dem einen Polizisten, der seine Waffe gezogen hat, und mehreren Polizisten, die Taschenlampen auf den Lehrer richten, mehrere Polizisten, die mit ihren Waffen auf den Lehrer zielen.
Wenn das keine reißerische und vorsätzliche Verfälschung der Fakten ist, was dann? Welche Erklärung kann es geben, dass jemand aus einem tatsächlichen Ereignis mit viel Phantasie eine Horror-Geschichte über übergriffige und rassistische Polizisten fabriziert, die jemanden (wie suggeriert wird) fast erschießen, nur weil er schwarz ist?

Nun, eine mögliche Erklärung könnte der starke Wunsch sein, das eigene Narrativ einer rassistischen und gewaltaffinen Polizei mit Leben zu füllen.

Oder gibt es noch eine andere Erklärung? Hat die Morgenpost ihren Artikel vielleicht geändert, seit ihn Herr Anpalagan gelesen hat? Stand da wirklich, dass mehrere Polizisten auf den Lehrer gezielt hätten? Oder hat er andere Quellen, mit dem Lehrer direkt gesprochen, und erwähnt das nur nicht?
Oder hält er seine eigene Phantasie mit den mehreren Polizisten, die mit ihren Waffen auf den Lehrer zielen, tatsächlich für die Wahrheit? Verbreitet er Fake-News im guten Glauben, für eine gerechte Sache zu streiten?

Kann er für die Polizisten, die abends unverletzt nach Hause kommen wollen, und die täglich mit dutzenden Kriminellen zu tun haben, und darum im Zweifel erstmal niemandem glauben und sich auf alles einstellen, gar keine Empathie aufbringen? Würde Herr Anpalagan einem möglicherweise bewaffneten Einbrecher die Chance geben, seine Waffe zuerst zu ziehen, und seine eigene Waffe erstmal stecken lassen, weil schon nichts passieren wird?

Ich weiß es nicht, aber ich kann mir nach diesen Tweets von Herrn Anpalagan gut vorstellen, wie es zu Vorwürfen kommen kann, dass manche Menschen dort, wo es tatsächlich eher wenige Anzeichen für Rassismus gibt, einfach welchen konstruieren, weil sie sich politisch oder auch beruflich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben haben und darum darauf angewiesen sind, dass in der Gesellschaft der Eindruck entsteht, Rassismus sei ein großes Problem.

Und Herr Anpalagan macht hier allem Anschein nach genau das: Eine rassistische(re) Welt konstruieren, in der Schwarze besonders gewalttätig und schlecht behandelt werden, in dem er an einem entscheidenden Punkt der Geschichte einfach aus Taschenlampen Pistolen macht.

Und das, diese unredliche Verfälschung der Fakten, ist das eigentliche gesellschaftliche Problem. Denn in der nächsten Iteration der „Stillen Post“ phantasievoller Aktivisten laden dann die imaginären Rassisten-Polizisten ihre Maschinenpistolen durch, schreien „Achtung!“ und hetzen deutsche Schäferhunde auf ihr Opfer, wo in der Realität nur Taschenlampen auf jemanden gerichtet wurden, und Leute auf Twitter glauben das dann auch noch, weil das genau das ist, was sie sowieso schon glauben und hören wollen.

Reden, die niemand hält: Wohin mit dem Atommüll?

Ein Beitrag aus der Serie „Reden, die niemand hält“

Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Präsident!

In zwei Jahren wird nach 62 Jahren die Nutzung der Kernenergie in Deutschland zu Ende gehen. Den Atommüll aber werden wir noch eine Million Jahre lang endlagern müssen.

Wenn das pro Jahr nur 1 Mio. Euro kosten sollte, wird das also insgesamt eine Billion Euro kosten. Realistischer sind wahrscheinlich mehrere hundert Billionen Euro, denn wahrscheinlich wird man das Endlager alle 1000 Jahre neu bauen müssen. Tausend mal.

Meine sehr geehrten Damen und Herren — das ist vollkommen verrückt. Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geerbt, heißt es — sollen wir ihnen jetzt für 62 Jahre Kernenergie-Nutzung wirklich eine Million Jahre lang eine tickende Zeitbombe hinterlassen? Nein!

Wir müssen die Verantwortung übernehmen. Wenn wir schon zu feige sind, in Deutschland ein Kernkraftwerk der vierten Generation zu bauen, dass aus dem Atommüll noch CO²-freie Energie gewinnen und den Atommüll in weniger gefährliche Elemente verwandeln könnte, die man dann nur noch 10.000 Jahre endlagern müsse, dann sollten wir wenigstens etwas Geld in Hand nehmen und einem anderen Land den Bau so eines Kraftwerks ermöglichen. Mit kostenloser Versorgung mit unserem Atommüll als Brennstoff. Oder wir bauen es auf Helgoland oder meinetwegen auch ein schwimmendes Kernkraftwerk auf einer Insel aus Beton mitten im Atlantik. Mit der Summe von hunderten Billionen Euro für die Endlagerung für eine Million Jahre im Hinterkopf kann eigentlich kein Aufwand zu groß sein, der hilft, dieses Ei, dass unsere Vorfahren den kommenden Generationen gelegt haben, diese Zeitbombe, zu entschärfen.

Ich appeliere an ihre Vernunft und an ihr Verantwortungsgefühl. Wir haben das Kernzeitalter nicht eingeläutet, aber wir sind jetzt dafür verantwortlich, dieses ohne hunderttausende Jahre lange Nachwirkungen zu Ende zu bringen und den Müll dieser kurzen Party mit Anstand und vor allem nachhaltig und gründlich zu beseitigen. Man kann Probleme verstecken und Atommüll vergraben, aber damit löst man die Probleme nicht.
Wenn es heute ein Chance gibt, den Atommüll loszuwerden und daraus auch noch CO²-frei Energie zu gewinnen, müssen wir sie nutzen. Denn die Gefahr durch den Atommüll und den Klimawandel ist zusammen viel größer als die nur hypothetische Gefahr, dass es in einem Reaktor der vierten Generation zu einem GAU kommt.
Stimmen Sie zu, geben Sie den Weg frei, die Beseitigung des Atommülls jetzt in Angriff zu nehmen anstatt die Augen zu verschließen und sich durch Unterlassung effektiver Maßnahmen schuldig zu machen.
Stimmen Sie für den Bau von Kernreaktoren der vierten Generation zur Beseitigung des Atommülls in Deutschland oder irgendwo, wo man dazu bereit ist, an die Zukunft zu denken und dafür auch Verantwortung zu übernehmen.

Vielen Dank!

Susanne Kaiser macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt

Eine Frau Susanne Kaiser (Autorin für die grüne Böll-Stiftung) hat im Tagesspiegel einen Artikel geschrieben mit dem schönen Titel „Warum der Rückfall ins Autoritäre männlich ist“, den ich nicht direkt verlinke, um ihre Klickzahlen nicht um einen Klick zu erhöhen.

Ich habe ein Problem mit dem Artikel, denn:
Negative Eigenschaften oder Konzepte wie „Autoritarismus“ männlich zu assoziieren, obwohl es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass Frauen weniger autoritär agieren oder Autoritarismus geschlechtsspezifisch sei, ist sexistisch. Ich möchte im Folgenden zeigen, dass der Text nicht mehr ist als eine Ansammlung männerfeindlicher Behauptungen und einseitig zu Ungunsten von Männern ausgewählter Fakten. Ein unredlicher Text, der die Spaltung zwischen den Geschlechtern vertieft, für ein feministische Publikum, das feministische Mythen bereits so tief verinnerlicht hat, dass es jedem feministischen Relotius, der ihm erzählt, was es hören will, aus der Hand frisst.

Beginnen wir mit dem Anrisstext:

Für Männer bedeutet der neoliberale Wandel einen Abstieg auf Positionen, die Frauen gewohnt sind. Was sie umso verbitterter dagegen ankämpfen lässt. Ein Essay.

Denken wir kurz nach und erinnern uns an das Zeitalter der Industriealisierung, als Männer 60 Stunden Wochen in Bergwerken geschuftet haben, um dann kurz vor der Rente an Staublunge zu sterben. Oder an das Kaiserreich, wo Männer das schöne Privileg hatten, mehrere Jahre lang Wehrdienst zu leisten und die Chance darauf, in einem Krieg gegen Dänemark, Frankreich, oder auch die ganze Welt erschossen oder zerfetzt zu werden. Und denken wir kurz an den Anteil der Männer an den Obdachlosen und an den Menschen ohne Schulabschluss und an den Strafgefangenen.

Das sind die Positionen, die Männer für den Großteil der Geschichte gewohnt waren und noch gewohnt sind. Was also soll es heißen, dass „der neoliberale Wandel“ für die Männer „einen Abstieg“ bedeutet, auf „Positionen, die Frauen gewohnt sind“?
Männer haben schon immer den Bodensatz der Gesellschaft gebildet. Frauen wurden schon immer so gut wie möglich geschont. Der Feminismus aber schaut immer nur an die Spitze, und wird darum Opfer des sogenannten „Gipfelirrtums„, indem er immer nur die erfolgreichsten Männer sieht, aber diese nicht mit den erfolglosesten verrechnet, bevor er Frauen und Männer vergleicht. Nur dann sind nämlich die im Schnitt in der Masse vielleicht sogar noch erfolgreicheren Frauen scheinbar „unterprivilegiert“. Abgesehen davon, dass „neoliberaler Wandel“ eine sinnlose Worthülse ist, die zu definieren ich Frau Kaiser gerne hiermit auffordern möchte.

Aber gehen wir mal weiter im Text:

Zu Beginn der Covid-19-Pandemie ging eine Fotomontage um die Welt. Sie zeigte die Gesichter der sieben Staats- und Regierungsoberhäupter, die ihre Länder am besten durch die Krise manövrierten und am souveränsten Führung demonstrierten. Die Länder hießen Taiwan, Neuseeland, Island, Finnland, Norwegen, Dänemark, Deutschland – und die Gesichter waren allesamt weiblich..

Frau Kaiser hat also eine Auswahl von Ländern mit weiblichen Regierungschefs aufgetrieben. Die haben angeblich ihre Länder „am besten“ durch die Corona-Krise manövriert. Und „am souveränsten“.

Erster Kritikpunkt: Die Krise ist noch nicht vorbei. Abgerechnet wird zum Schluss, und dann werden wir sehen, wer auf welchen Platz kommt.
Zweiter Kritikpunkt: In Deutschland bestimmen die Länder über die Corona-Maßnahmen; Frau Merkel hat also weder geführt noch manövriert.
Dritter Kritikpunkt: Taiwan, Neuseeland und Island sind Inseln, die schlicht ihre Grenzen zugemacht haben, um weitere Infektionen abzuwehren, mit Quarantäne und Zwangs-Tests für Einreisende. Merkwürdig, dass das an dieser Stelle keine Erwähnung findet. Ein Schelm, wer als Grund vermutet, dass es nicht ins Narrativ von überlegener weiblicher Führung und bösem männlich-autoritär-erfolglosem Gehabe passen würde, dass einige der erfolgreichsten Corona-Bewältiger-Regierungschefinnen ihren Erfolg knallharten „autoritär-männlichen“ Grenzschließungen verdanken. Diese Tatsache unter den Tisch fallen zu lassen belegt meiner Meinung nach sehr gut, wie Frau Kaiser ihren Artikel in bester Relotius-Manier so konstruiert hat, dass am Ende ihre Geschichte und ihre feministische Haltung über Wahrhaftigkeit und Wahrheit triumphieren.

Aber zurück zum erstaunlichen Erfolg der handverlesenen weiblich regierten Länder: Finnland, Norwegen und Dänemark haben den Vorteil, dass sie nicht unbedingt als Reise- oder Transitländer gelten oder besonders dicht besiedelt sind. Umso einfacher sind dort also „gute Corona Zahlen“ zu fabrizieren. Das hätte man vielleicht auch erwähnen können.
Weiterer Kritikpunkt: Länder, in denen Frauen regieren, gehören häufig zu den entwickelsten Ländern der Welt. Unter den entwickelsten Ländern der Welt solche mit guten Corona-Zahlen zu finden ist tendeziell eher einfach. Entsprechend ist die Auflistung von hoch entwickelten Ländern mit weiblichen Regierungsschefs und die Gegenüberstellung mit drei eher erfolglosen und von Männern regierten Schwellen-Ländern als scheinbarer Beweis der Überlegenheit weiblicher Führung einfach nur billigste männerfeindliche Polemik.

Was mich zum letzten Kritikpunkt bringt: Was bedeutet — abgesehen davon, dass die Krise noch gar nicht vorbei ist — eigentlich „am besten durch die Krise manövrieren“? Die geringste prozentuale Zahl an Infektionen zu haben, oder die geringste Rate an Todesfällen?

Das Land mit den meisten Todesfällen pro 1 Million Einwohner ist aktuell (2020-11-16) laut „Worldometers“ Belgien, das von Sophie Wilmès regiert wird, einer Frau. Bolivien schneidet auch eher schlecht ab, und wird von Jeanine Áñez regiert. Im Sommer war die Todesrate in den USA pro 1 Mio. Einwohner geringer als die in Deutschland. Wurden da die USA vorübergehend besser regiert als Deutschland?
Mein Punkt ist: Frau Kaiser wirft mit implizierten Behauptungen um sich, blendet jegliche Gegenargumente aus, und bleibt Beweise für ihre sexistische These, Frauen gingen besser mit Corona um als Männer, vollkommen schuldig; ja sie definiert überhaupt nicht, welchen Maßstab sie anlegt um „gut“ und „schlecht“ zu unterscheiden.

Dann kommt noch:

Dass die tonangebenden Medien weibliche Führungspersonen priesen, blieb nicht ohne Folgen. In der Halböffentlichkeit der sozialen Medien, der Kommentarspalten und der Internetforen brach sich Frust Bahn, wie jedes Mal, wenn Frauen sich in Bereichen bewähren, die von vielen immer noch als Männerdomänen angesehen werden.

Was soll ich sagen: Wenn die „tonangebenden Medien“ auch schlecht recherchierten, einseitig Frauen als — aufgrund ihres Geschlechts überlegen führende — Übermenschinnen darstellenden sexistischen Unsinn als „Preisung“ auf weibliche Führungspersonen geschrieben haben sollten, dann wundert es mich nicht, dass sich „Frust Bahn gebrochen“ haben soll.
Wer sexistische Scheiße ins Internet kübelt, der bekommt sexistische Scheiße zurück.

Leider hat nicht jeder die Zeit und die Möglichkeit, so wie ich ausführlich zu analysieren und zu kommentieren, warum es unseriös ist, Inselstaaten und Binnenländer zu vergleichen, warum es tendenziös ist, sämtliche Regierungschefinnen bei der Corona-Abwehr überhaupt nicht erfolgreicher Staaten zu unterschlagen, warum es tendenziös ist, die autoritären Maßnahmen der erfolgreichen Regierungschefinnen mit keinem Wort zu erwähnen, et cetera.

Der Rest des Artikels ist nicht weiter der Rede wert, man stelle sich einfach eine auf der vorher konstruierten verzerrten Realität aufbauende schlechte Kolumne von Margarethe S. vom Spiegel vor.

Sexistischer Unsinn wird auch dadurch nicht weniger menschenfeindlich und spalterisch, dass er als „feministisch“ verkauft wird. Männern negative Eigenschaften und geringere Fähigkeiten zuzuschreiben und so zu tun, als wären Frauen bessere Menschen und alles Schlechte („Neoliberaler Wandel“!!!) ginge nicht etwa auch maßgeblich auf das Konto von z.B. Margareth Thatcher oder Blythe Masters, sondern allein auf das Konto böser Dunkelmänner, ist nicht progressiv, sondern männerfeindlich.
Zu ihrer Entschuldigung bleibt eigentlich nur zu sagen, dass Sie anscheinend ein Buch verkaufen will, um ihr prekäres Leben als weibliche-feministischer Relotius finanziell etwas komfortabler zu gestalten. Wahrscheinlich hat sie ihren erstaunlich schlechten Artikel nur im Hinblick darauf geschrieben, ihre Klickzahlen hochzutreiben.

Hoffen wir, dass sich das Machwerk nicht verkauft.

Das Paradox der Gleichstellungspolitik

Nehmen wir als Gedankenexperiment einmal an, die Menschen, Männer, Frauen, alle anderen Gruppe, seien tatsächlich gleich.
Gleich klug, gleich ehrgeizig, gleich gewissenhaft oder gewissenlos, gleich fürsorglich und gleich rücksichtslos, etc. pp..

Dann gäbe es im Prinzip keinen Grund für Gleichstellungspolitik, denn wir hätten hier ein Nullsummenspiel. Wir könnten Frauen gegen Männer austauschen oder Schwarze gegen Weiße oder Kleine gegen Große, aber im Endeffekt würde sich überhaupt nichts ändern. Gefördert würde nur die Betonung der eigentlich irrelevanten Unterschiede beim Versuch, künstlich alle Positionen irgendwie nach letzten Endes rassistischen Kriterien gleich zu verteilen. Es wäre also am sogar Ende schädlich, so zu verfahren.

Wenn es aber relevante Unterschiede gäbe… wäre Gleichstellungspolitik wahrscheinlich ebenso schädlich. Denn dann müsste man ja, um die Gleichverteilung nach äußeren Merkmalen hinzubekommen, möglicherweise höherqualifizierte Personen durch geringerqualifizierte ersetzen. Man müsste z.B. die Hälfte aller fürsorglichen Erzieherinnen durch sorglose Erzieher ersetzen, oder die Hälfte aller kampfkräftigen SEK-Beamten durch weniger durchschlagskräftige SEK-Beamtinnen, oder die Hälfte aller schwarzen Basketballspieler zu Eishockeyspielern machen und die Hälfte aller weißen Eishockeyspieler zu Basketballspielern. Und das mit dem Argument, dass die Unterschiede, aufgrund derer man diese Umgruppierungen vornimmt, eigentlich irrelevant seien.

Und jetzt frage ich mich: Ist das vielleicht völliger Unsinn? Ist der Kaiser möglicherweise nackt, und es sagt nur keiner?

Das BMFSFJ und sein Dossier zu „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer“ (1)

Ein Dossier des „Ministeriums für alle außer Männer“ (BMFSFJ) namens „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer“ ist erschienen.

Es hat das Ziel, Männern und Jungen zu „helfen“, Männer zu werden, wie das Ministerium für alle außer Männer sie gerne hätte. Wenn man mal die Quintessenz dieses Machwerks frei heraus benennen will.

Bezeichnend ist, wie das Werk mit feministischen Prämissen durchsetzt ist, die fragwürdig sind. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll – nehmen wir also Seite 91, Abbildung 58, als Beispiel für die zweifelhafte Qualität der Annahmen und Schlussfolgerungen:

Die Annahme ist also, dass Erwerbs- und unbezahlte Arbeit zwischen Männern und Frauen ungleich verteilt seien, und dass dies korrigiert werden müsse.
Die Grafik suggeriert, dass das Leben nur aus bezahlter und unbezahlter Arbeit besteht. Die Forderung der Autoren suggeriert, das Leben sei nur gerecht, wenn diese Formen von Arbeit zwischen den Geschlechtern gleich verteilt seien. Aber das ist Unsinn, und die Darstellung ist unrealistisch; denn wie soll dieser Ausgleich zwischen den Geschlechtern funktionieren?

Singles zum Beispiel müssen bezahlte und unbezahlte Arbeit erledigen. In der Höhe, in der sie eben anfallen. Abhängig vom individuellen Lebensstil. Hier kann das BMFSFJ keinen Ausgleich herbeiführen. Weder auf individueller Ebene, noch gesamtgesellschaftlich.

Sollte das Ministerium vielleicht eine heteronormative Paarbeziehung als Normalfall in der Gesellschaft voraussetzen? Damit man überhaupt so ein Nullsummenspiel der Geschlechter spielen kann?
Nur dann ergibt die Grafik überhaupt einen Sinn.

Aber dann ist immer noch nicht berücksichtigt, dass es ja auch sowas gibt wie Freizeit. Diese zu unterschlagen macht die Abbildung 58 komplett unrealistisch.

In der Realität kann man seine Zeit nicht nur auf bezahlte oder unbezahlte Arbeit verteilen. Man kann auch weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben. Und manche Menschen brauchen mehr Freizeit, manche arbeiten gerne den ganzen Tag, manche pflegen gern ihren Haushalt oder kochen, manche sehen fern, oder schlafen, oder meditieren, oder haben sogar ihr Hobby zum Beruf gemacht, so dass man Freizeit und Arbeit gar nicht trennen kann, und das ist individuell verschieden. Und dadurch kann es — weitgehend zufällig — auch gesamtgesellschaftlich zu einer Ungleichverteilung kommen, ganz ohne dass deswegen irgendjemand benachteiligt worden sein müsste.1

Warum in aller Welt sollte man die verschiedenen Formen von Arbeit also geschlechtsabhängig gleichverteilen wollen?
Würde eine Gleichverteilung nicht ggf. sogar die „Mental Load“ noch weiter erhöhen, weil dann ein zusätzliches Aufgabenfeld zu den bisherigen Verantwortlichkeiten hinzukommt? Ist es nicht meist effizienter, wenn man Arbeiten arbeitsteilig ungleich verteilt und sich spezialisiert?

Abbildung 58 ist einfach eine zu stark vereinfachte Darstellung, die die Gleichheit (in Bezug auf generierte Einkommen, Wichtigkeit, Dauer) von bezahlter und unbezahlter Arbeit voraussetzt und die Kosten für eine „gerechte“ Aufteilung in Form von Effizienzverlusten und Abgrenzungsproblemen ignoriert. Das ist unseriös und schlicht dumm.

Interessant ist auch die Abbildung 59 auf der nächsten Seite:

Hier steht, es solle echte Wahlfreiheit geben, dass jeder sich entfalten und tun kann, was er will („Vielfalt“ und „Freiheit“). Und dann steht da bei „Gerechtigkeit“: „Ressourcen sind fair, also hälftig, zwischen den Geschlechtern verteilt“. Es soll also jeder machen dürfen, was er will, wenn dann nachher alle Frauen genau so viel bekommen wie alle Männer. Bitte was?

Soll es hier einen „Geschlechterfinanzausgleich“ geben, wenn eine der Gruppen mehr verdient als die andere?! Und falls ja, warum sollte sich dann die besser verdienende Gruppe überhaupt noch anstrengen, wenn ihre Mehreinnahmen dann an das andere Geschlecht abfließen?

Und falls es bei der „Ressourcengleichverteilung“ um Rentenansprüche in Paarbeziehungen gehen sollte: Dass Menschen mit geringen Rentenansprüchen, deren besser verdienende Partner früher als sie sterben, mit einer geringen Rente auskommen müssen, ist keine Frage der Geschlechtergerechtigkeit, sondern eine Frage der Rentengesetzgebung. Eine „gemeinsame Veranlagung“ der Rentenansprüche und eine andere Form der Kürzung (oder gar keine Kürzung) der gemeinsamen Rente im Falle des Todes eines Partners kann der Bundestag jederzeit beschließen. Wer hier so tut, als wäre das ein geschlechterpolitisches Problem, der will nur davon ablenken, dass der Staat seit Jahrzehnten gerne davon profitiert, dass die bisher meist besser verdienenden Männer früher sterben, und die Rentenkasse dann durch die gekürzte Witwenrente viel Geld sparen kann.

Oder wir schaffen das Rentensystem gleich ab, und es gibt eine sozialistische Einheitsrente, so dass die ultimative Geschlechtergleichstellung im Alter erreicht wird.

Seite 91 und 92 sind nur zwei Seiten aus diesem Machwerk voller ideologisch motivierter feministischer Forderungen, Halbwahrheiten und manipulativer Illustrationen mit dem Ziel, das Narrativ zu unterfüttern, Männer seien irgendwie schuld an Problemen, die Frauen haben, und müssten sich ändern und anders verhalten, weil sie Gleichverteilung und Gerechtigkeit im Weg stünden.

Wenn es zum Beispiel heißt, Männer müssten auf das „Privileg“ der Erwerbsarbeit verzichten, damit Frauen gerecht behandelt werden, ist das einfach Unsinn. Erwerbsarbeit ist kein Privileg. Frauen treffen statistisch gesehen 70% der Kaufentscheidungen. Männer sind nicht als Gruppe schuld an einer Rentengesetzgebung, die Rentenansprüche länger lebender Partner drastisch kürzt, wenn der besser verdienende Partner stirbt. Und die Gleichverteilung von Aufgaben zwischen Geschlechtern aus rein dogmatischen Gründen ist einfach keine sinnvolles Ziel. Es hat keinen Wert an sich, es ist ein rein ideologisch motivierter Soll-Wert von Menschen die glauben wollen, es gebe keine Geschlechterunterschiede. Die ganze Broschüre, die behauptet, „Männern und Jungen helfen zu wollen“, ist in der Tat nichts anderes als der Versuch, Männer und Jungen so hinzumanipulieren, wir feminitische Aktivistinnen im Ministerium sie gerne hätten.

Umso merkwürdiger ist, dass das sogenannte „Bundesforum Männer“ diesen hanebüchenen Unsinn auch noch lobt (gelb markierte Stelle):

Merkwürdig auch, dass das Bundesforum Männer die Broschüre noch am Tag der Veröffentlichung so positiv bewertet (pinke Hervorhebung).
Von einem angeblichen „Interessenverband für Jungen, Männer und Väter“ hätte ich mir eine kritische Analyse des Textes aus männlicher Sicht erhofft. Aber die kann man vom Bundesforum, das vom Frauenministerium finanziell abhängig ist, anscheinend nicht erwarten, wie die positive PR für den Text am Tag der Veröffentlichung deutlich zeigt.

  1. Aber das können sich radikale feministische Aktivistinnen anscheinend nicht vorstellen. []

Die evangelische Kirche und die Nächstenliebe

Auf Twitter schreibt Ulf Porschardt angesichts der vielen Forderungen nach Evakuierung der (potenziellen) Flüchtlinge und Asylbewer aus dem abgebrannten Lager von Moria:

Ich finde, er spricht damit etwas Wichtiges an, was für mich als Mitglieder der evangelischen Kirche zunehmend unverständlich ist, nämlich diese sendungsbewusste Haltung, die evangelische Kirche müsse — auch wenn wir alle wissen, dass sie dazu gar nicht die Ressourcen hat — zumindest symbolisch versuchen, möglichst viele Menschen aus ärmeren Ländern zu retten und in die EU zu holen. Dabei sind gerade die Menschen, die es schaffen, bis an die Grenze der EU zu kommen, meist gar nicht die Ärmsten und Schwächsten. Die bleiben vielmehr in ihren Ländern, und leiden und sterben, ohne dass die Öffentlichkeit oder die EKD dafür sonderlich interessieren würden, abgesehen davon natürlich, dass die „standardmäßigen“ Hilfsprogramme der Diakonie etc. natürlich weiterlaufen.

Eine Sonderbehandlung, ein Extra an Fürsorge bekommt man aber anscheinend nur, wenn man medienwirksam an den Toren der EU rüttelt. Und das finde ich falsch.

Es ergibt keinen Sinn, den hohen Wert der Nächstenliebe als christlicher Wert (nur bzw. gerade) genau dann zu entdecken, wenn das Licht der Öffentlichkeit auf einem Problem ruht. Warum investiert die EKD nicht in Impfungen in Afrika oder Südostasien, um dort das Leid zu lindern? Warum bevorzugt sie, mit höherem finanziellen Aufwand Glücksritter aus Seenot zu retten, die mit ihrer Aktion noch dazu die EU in Probleme bringen? Obwohl sie, zum Beispiel als syrische Flüchtlinge, auch in der Türkei und Israel um Anerkennung als Flüchtling nachsuchen könnten?

Jesus, der heilige Martin, der gute Samariter — sie handeln alle in ihrem unmittelbaren Umfeld und praktizieren tatsächlich „Nächsten-Liebe“. Christentum, glaube ich, muss, wenn es weiter existieren will, wieder vermehrt eine Graswurzelbewegung sein, mit einem Anspruch auch und vor allem lokal zu wirken. Frei nach dem Motto der Antifa würde ich sagen, Christentum ist Handarbeit, und Nächstenliebe, die sich abstrakt in die Ferne richtet und nicht spontan praktiziert wird, sondern PR-wirksam dort stattfinden soll, wo das Schlaglicht der Medienöffentlichkeit gerade ruht, ist gar keine Nächstenliebe, sondern moralische Machtprojektion mit dem Ziel der Selbsterhöhung.

Zahlende, möglicherweise weniger frömmelnde, pragmatisch und auch ein stückweit egoistisch denkende (sprich: fehlbare, sündhafte, etc.) Mitglieder wie ich sind dem Vorstand der EKD wahrscheinlich weniger wichtig als ihr Image und ihr Selbstbild. Ich behaupte: Die EKD-Führung will sich vor allem selbst ein Denkmal bauen; um die Menschen, die sie da retten will am Rande der EU, geht es gar nicht, sonst müsste man durch zweckutilitaristische Überlegungen dazu kommen, dass Hilfe an anderer Stelle viel effizienter möglich wäre.

Warum mischt sich die EKD überhaupt in weltliche Belange der Migrationspolitik ein, und warum hat mich in meinen über 40 Jahren Kirchenmitgliedschaft nie der zuständige Pfarrer quasi initiativ besucht und gefragt, wie es mir geht oder was ich denke was die Gemeinde tun könnte oder sollte?

Die Statistik spricht für sich: Immer mehr Kirchenmitglieder können mit der EKD nichts anfangen, sehen keinen Gegenwert für ihre Kirchensteuer, wenden sich ab. Und ich denke es hat damit zu tun, dass „die da oben“ in der Kirche eher PR-Nächstenliebe auf Distanz zu praktizieren als zu versuchen, tatsächliche Nächsten-Liebe vor Ort zu organisieren.

Die Rettungslotterie oder: Moria und Ethik

Aktuell wird immer wieder gefordert, alle Menschen aus dem abgebrannten Lager in Moria in Griechenland zu holen und in der EU zu verteilen.
Das wäre natürlich auch sehr schön, aber ist es auch ethisch geboten?

Sehr vielen Menschen auf der Welt geht es schlecht, noch immer hungern fast eine Milliarde Menschen, täglich sterben zehntausende an Hunger und Krankheiten. Wir Europäer wissen das, wir könnten jeden Ort der Welt in wenigen Stunden erreichen, wir hätten die Mittel, jeden einzelnen zu retten, wenn wir wollten. Aber wir tun es nicht. Denn wir wissen insgeheim, dass wir nicht jede/n retten können. Wir töten sozusagen durch Unterlassen, immer schon, seit Jahren, jeden Tag zigtausendfach. Das ist schlimm — dennoch tun wir es und denken nicht weiter darüber nach.

Wenn wir moralisch verplichtet sind, jedem zu helfen, dem der Tod droht, wegen Menschwürde, Ethik, Humanismus, aber angesichts unsere am Ende doch begrenzten Kapazitäten nicht wirklich können, wäre es dann nicht gerechter bzw. ethisch geboten, unter den ca. 1 Milliarde Menschen, denen es schlecht geht, eine Lotterie zu veranstalten, bei der jeden Tag 100 oder 1000 Gewinner gezogen werden, und dann diese Leute zu retten? Auf der ganzen Welt, nach dem Zufallsprinzip?
Anstatt gerade die zu retten, die gerade nicht die Schwächsten sind, sondern Menschen, die immerhin die Ressourcen und die Kraft hatten, sich (illegal) bis in die EU durchzuschlagen. Diese Menschen denen vorzuziehen, die unsichtbar weit weg tatsächlich entkräftet und hoffnungslos sein, soll moralisch geboten und Ausdruck unserer europäischen Werte sein?

(Ich denke nicht.)

Solingen, weibliche Verantwortlichkeit, Mental Load bzw. „toxische Mütterlichkeit“

Frauen erhalten für gleiche Verbrechen geringere Gefängnisstrafen, weil bei Frauen verstärkt Gründe gesucht werden, warum genau die Frau die Tat begangen haben könnte. Es wird als davon ausgegangen, dass Frauen für ihre Taten nur teilweise oder irgendwie „weniger“ verantwortlich sind. Bei Männern hingegen wird eher vorausgesetzt bzw. angenommen, dass Männer für ihre Taten selbst voll verantwortlich sind.

Feministinnen behaupten zwar, auch diese Ungleichbehandlung sei „Patriarchat“ und geben sicher auch vor, diese Ungleichbehandlung bekämpfen zu wollen, praktisch aber wird natürlich von Feministinnen überhaupt nichts getan, um hier für eine Gleichbehandlung von Frauen und Männern zu sorgen. Weder gibt es Maßnahmen, Strafmaße für Männer zu verringern, noch Bemühungen, Gerichtsverhandlungen ohne Berücksichtigung des Geschlechts der Angeklagten zu führen.

Dass Frauen als weniger verantwortlich gelten, zeigt sich wieder bei dem mehrfachen Kindermord in Solingen. Bezüglich des Motivs der Mutter heißt es: Die Ermittler vermuten, dass die alleinerziehende Mutter von sechs Kindern nach der Trennung von ihrem Mann die Tat in einem Zustand emotionaler Überforderung begangen hat.

Sprich: Die Mutter ist irgendwie nicht schuld daran, dass sie fünf Kinder auf komplizierte Weise getötet hat. Sie war ja überfordert! Ehe lief nicht so gut etc., da kann man ja schon mal auf die Idee kommen, die Kinder zu ermorden (Sarkasmus).

Tatsächlich scheint es so, als wäre die Mutter unfähig gewesen, sich Hilfe zu holen, unfähig gewesen, Verantwortung und Kontrolle abzugeben. Ich würde hier von einer Art „toxischer Mütterlichkeit“ sprechen, also der am Ende tödlichen Unfähigkeit, zu akzeptieren, dass sie ihre Rolle als Mutter nicht in der Art und Weise ausfüllen könnte, die ihren eigenen Ansprüchen gerecht geworden wäre.

Feminstinnen sprechen ja gerne von „mental load“ in Bezug auf die mentale Belastung, die es bedeutet, die häuslichen Dinge am Laufen zu halten, wenn es darum geht, Männer dafür verantwortlich zu machen, wenn Frauen sich selbst überfordern.

Aber „mental load“ stellt niemanden von der Verantwortung frei, die eigenen Grenzen zu erkennen und nötigenfalls Aufgaben, Verantwortung und Kontrolle abzugeben oder die Verteilung neu zu verhandlen — jedenfalls, bevor man anfängt, Menschen umzubringen.

Helikoptermütter sind selbst dafür verantwortlich, dass sie sich eine extreme „Mental Load“ aufbürden. Mütter, die ihre Kinder im SUV direkt vor die Schule fahren, sind selbst verantwortlich, dass sie ihren Kindern den Schulweg nicht zutrauen und gleichzeitg durch den erhöhten Verkehr die Kinder aller anderen Eltern gefährden.
Und Mütter, die sechs Kinder in die Welt setzen und dann mit der „mental load“ nicht klarkommen, sind nicht nur selbst verantwortlich dafür, sechs Kinder in die Welt gesetzt zu haben, sie sind auch für die resultierende „mental load“ verantwortlich und für die Art und Weise, wie sie damit umgegangen sind. Es gibt keine Entschuldigung dafür, ganz langsam, Kind für Kind, in die Überforderung gerutscht zu sein, seine Ehe ruiniert und dann die Kontrolle verloren zu haben.

Gleichberechtigung muss auch bedeuten, dass die gleichen Maßstäbe angelegt werden, wenn Frauen oder Männer Verbrechen begehen. Wir müssen aufhören, nach irgendwelchen Entschuldigungen oder hypothetischen besonderen Umständen und externen Ursachen zu suchen, wenn Frauen Verbrechen begehen. Frauen müssen genau wie Männer mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden, sonst wird es keine wirkliche Gleichberechtigung geben. Denn solange man Frauen nicht zumutet, genau so in der Verantwortung zu stehen wie Männer, wir man Ihnen auch nicht zutrauen, im gleichen Maß Verantwortung zu übernehmen wie Männer.