Archiv für den Monat: Februar 2021

„Staatstragender“ Journalismus oder: Die vielen Fans des Astrazeneca-Impfstoffs

Die Wirksamkeit, aber auch die Konstruktion des Astra-Zeneca-Impfstoffs mit Hilfe von Adenovirus-DNA werden kontrovers diskutiert.

Es wird behauptet, unter normalen Bedingungen wäre der Impfstoff nicht (so schnell) zugelassen worden. Die Studien für die Zulassung seien schlampig durchgeführt worden, eine Integration von Teilen des verwendeten Adeno-Virus in das Genom und ein darauf basierendes Krebsrisiko könnten nicht ausgeschlossen werden.

Dennoch behauptet, die Bundesregierung, der Impfstoff sei „hochwirksam und sicher„.

Irritierend ist, dass sich jetzt zahlreiche Journalisten berufen zu fühlen scheinen, für den Impfstoff zu werben und alle zu beschimpfen, die sich nicht mit diesem Impfstoff impfen lassen wollen.

Eigentlich ist man doch von Journalisten gewohnt, „investigativ“ über geringste Risiken zu spekulieren, kapitalismus-kritisch das Vorgehen von Pharma-Konzernen zu hinterfragen, über Gefahren von Gentechnik zu raunen, et cetera.

Doch jetzt mutieren Journalisten plötzlich zu PR-Agenten der Regierung bzw. der Pharmaindustrie und werben für einen Impfstoff, den sie unter Normalbedingungen kritisch beleuchtet hätten?! Wo ist die kritische Distanz, die Journalisten möglicherweise haben sollten?

Wenn man eigentlich von nichts eine Ahnung hat, aber über alles berichtet, sollte man dann nicht schon allein aus Gründen der Glaubwürdigkeit stets mit kritischer Distanz berichten? Auch und gerade in einer Pandemie über Impfstoffe?

PoCs im Radio

Als ich kürzlich recherchierte, wer die Moderatoren bei WDR5 sind, ist mir aufgefallen, dass tatsächlich aktuell alle Moderatoren bei WDR5 weiß sind.

Zwar ist mir bisher kein Stereotyp über die Hautfarbe von Radiomoderatoren bekannt (was auch irgendwo absurd wäre bei Radio), vielleicht etabliere ich aber jetzt gerade dasjenige, dass zumindest bei WDR5 nur rein biodeutsche Kartoffel-Journalist:innen engagiert werden.

Also mal angenommen, es gäbe zu wenige PoC im Radio und das wäre irgendwie relevant, und deshalb würde WDR5 jetzt jahrelang nur noch PoC etc. einstellen, weil die angemessene Repräsentation von PoC im Radio des ÖRR sichergestellt werden müsste; wie würde man dann, wenn man die Quote „angemessen“ erhöht hätte, überhaupt kommunizieren, dass das so ist? Sollten die Moderatoren dann bei jeder Gelegenheit sagen „Ich als (queerer) Schwarzer/Asiate/Inuit (der auf dem zweiten Bildungsweg)…“? Oder vielleicht „Schauen Sie bitte auch im Internet nach wie divers wir sind.“?

WDR5 Politikum – wie menschenverachtend dürfen „provokante“ Fragen sein?

Auf WDR5 strahlte der Gemeinwohlrundfunk[tm] am 2021-02-09 eine Folge der Reihe „WDR5 Politikum – Gespräch“ aus.

Darin befragt die Journalistin und Politikwissenschaftlerin Andrea Oster den KFZ-Mechaniker(sic!), Physiker, Feministen und Publizisten Dr. Ralf Bönt, warum dieser kürzlich gefordert hatte, Männer „bevorzugt“ zu impfen.

Dabei ist der Sachverhalt eigentlich klar: Männer erkranken häufiger (mehr als doppelt, vielleicht sogar dreifach so oft, je nach Statistik) schwer an Corona; ca. 70 bis 80 Prozent der Corona-Infizierten auf Intensivstationen sind Männer. Männer sterben doppelt bis dreifach so oft an Corona. Entsprechend wäre es, um Menschenleben zu retten und Intensivbetten für andere Erkrankte — auch Frauen — freizuhalten, absolut sinnvoll, das biologische Geschlecht als Risikofaktor bei der Impfreihenfolge zu beachten und Männer in ihrer Altersklasse jeweils etwas früher zu impfen als Frauen. Und nein – Männer sind nicht „selbst schuld“, weil sie sich nicht die Hände waschen, wie die Pharma-Firma Roche feststellt. Tatsächlich ist das männliche Immunsystem schwächer und langsamer, darum wäre es gerecht, diese Tatsache bei der Festlegung der Impfreihenfolge zu berücksichtigen.

Darauf hätte man sich einigen können und meiner Meinung nach auch müssen, aber dann wäre das Gespräch sicher zu langweilig verlaufen, um in das Konzept der Reihe „Politikum“ zu passen.
Entsprechend versuchte Frau Oster alles, um Herrn Bönt irgendwie zu provozieren oder von seiner sinnvollen Position abzubringen. Ich denke aber, sie ist dabei zu weit gegangen.
Dabei fängt das Gespräch vielversprechend an; ich habe es einfach mal komplett transkribiert:


Oster: Seit gestern gilt die neue Impfverordnung.
Menschen mit schweren Erkrankungen rücken vor von Gruppe 3 in Gruppe 2, grundsätzlich bleibt es aber dabei: Die die am meisten gefährdet sind sollen auch zuerst geimpft werden. Das ist das Leitmotiv der deutschen Impfkampage und damit sind wir nicht allein, die meisten Länder haben eine solche Prioritätensetzung beschlossen.
Zwei Ausnahmen fallen mir ein: Indonesien impft zuerst die jungen Menschen, Litauen die Lehrer, um die Schulen wieder schnell an den Start zu bringen.
Und dann gibt’s noch andere Idee wie die von Ralf Bönt, er ist Physiker und Schriftsteller, schreibt unter anderem zum Thema Patriarschat; Herr Bönt, sie sagen, Männer sollen schneller geimpft werden als Frauen, wieso?


Bönt: (lacht) Nicht vor den Alten, ehm, aber sie haben tatsächlich den zweitwichtigsten Risikofaktor, und liegen ja sehr sehr überdurchschnittlich auf den Intensivstationen, und sterben auch zwei bis zweieinhalbmal so oft, wie Frauen deswegen ist es merkwürdig dass man, unter allen Faktoren die man berücksichtigt hat diesen zweitwichtigsten komplett ignoriert.

Aber Oster meint bereits hier von der offensichtlichen Tatsache ablenken zu müssen, dass Männer tatsächlich durch Covid stärker gefährdet sind als Frauen, und versucht es mit Derailing und Victim Blaming, wie man in feminitischen Kreisen sagen würde:

Oster: Männer leben in der Regel ungesünder gehen später zum Arzt in der Folge sterben sie früher, jetzt halt auch an Covid, dafür sollen sie jetzt auch noch bevorzugt geimpft werden?

Was fragt Oster hier? Ich lese: Ob Männer dafür belohnt werden sollen, dass sie zu blöd seien, rechtzeitig zum Arzt zu gehen.
Das ist in gleich vielfacher Weise männerfeindlich und verletzend. Erstens natürlich die Frage an sich, weil es nicht um eine Bevorzugung geht, sondern um eine angemessene Berücksichtigung des geschlechtsspezifischen Risikos. Zweitens die flapsige Formulierung „jetzt halt auch an Covid“, als ob es keinen Unterschied gäbe zwischen mangelnder Selbst-Sorge und einer tödlichen Infektionskrankheit. Und drittens natürlich die vollkommene Verkennung der Tatsache, dass Männer im Gesundheitssystem benachteiligt werden, wie Herr Bönt später noch richtig ausführen wird.

Bönt: Nein, das ist überhaupt gar nicht richtig. Sie leben kürzer, weil sie generell eigentlich weniger achtsam behandelt werden, und zwar von anderen wie von sich selber, wir wissen aus der Klosterstudie von dem Andrologen Marc Luy, dass in Klöstern oder im Kibbuz die Männer genau so lange leben wie die Frauen. Das ist also zum einen nicht nur ihre eigene Schuld, zum anderen ist es hier bei Covid so, und bei allen Grippeerkrankungen, bei allen Coronaviren, dass das Immunsystem der Männer sehr viel schlechter reagiert als das der Frauen, langsamer, und sie deswegen benachteiligt sind.

Auf diese souveräne Antwort kann Frau Oster leider nur mit einem weiteren billigen Versuch reagieren, vom Thema „Geschlecht/Biologie als Risikofaktor“ abzulenken:

Oster: Übergewichtige haben auch ein höheres Risko, soll man die auch bevorzugen?

Übergewicht und Geschlecht sind deswegen nicht vergleichbare Risikofaktoren, weil das geschlechtsspezifische Immunsytem nicht änderbar ist, Übergewicht in den vielen bzw. den meisten Fällen hingegen schon.


Bönt: Könnte man überlegen, es gibt auch noch andere Überlegungen, ALS-Kranke zum Beispiel oder Schwangere, die wurden vergessen. Das ist aber so dass es hier eigentlich nicht um die Männer geht oder die Frauen, sondern es geht darum ein möglichst ein möglichst effektives Impfprogramm durchzuführen weil wir ja sagen dass unser Hauptziel ist dass die Intensivstationen nicht überlaufen, also voll sind und man Leute abweisen muss, und wenn Männer mit einem Faktor fast von 3 häufiger auf der Intensivstation landen wenn sie infiziert sind, als Frauen, ehm, dann ist es nicht besonders klug wenn man die genau so häufig impft wie die Frauen, und nicht häufiger; sie werden da also benachteiligt zum Schaden von allen.

Bönt ist so freundlich, die Provokation aufzugreifen und so zu neutralisieren. Gleichzeitig platziert er geschickt das Argument, dass auch Frauen davon profitieren würden, „männliches Geschlecht“ als Priorisierungsfaktor beim Impfen zu berücksichtigen. Oster versucht es mit einer neuen Ungeheuerlichkeit:


R: Frauen haben vielleicht weniger häufiger schwere Verläufe, aber sie leiden offenbar stärker an den Langzeitfolgen. Das wiegt ja genau so schwer, das könne man ja sagen, da gleicht sich das wieder aus.

Sie sagt allen Ernstes, es sei ja quasi kein großer Unterschied, ob eine Frau Langzeitfolgen hat oder ein Mann tot ist. BITTE WAS? Im übrigen ist es (Stande heute) tatsächlich nicht so, dass Frauen häufiger schwere Langzeitfolgen haben.

Bönt ist auch nicht überzeugt:


Bönt: Na, ich weiß nicht ob ein Tod genau so schwer wiegt wie eine Langzeitfolge, von der wir starke Hinweise zumindest haben dass die Langzeitfolgen auch wieder abklingen. Und deswegen ist es geradewegs ein bißchen dumm, eh, wenn man das nicht berücksichtigt dabei wen man jetzt impft, denn wenn sie oder ich oder unsere Eltern zwei Wochen auf eine Intensivstation mit Covid, und da liegt alles voll mit Männern, die schon hätten geimpft werden können, dann ist das ja nicht in unserem Sinne, oder?

Für einen kurzen Moment scheinen Frau Oster die menschenverachtenden, männerfeindlichen und zynischen Hot-Takes ausgegangen zu sein:


Oster: Ja, aber was schlagen Sie denn vor, wie sollte man denn vorgehen wenn man die „Männer“ tatsächlich stärker berücksichtigen würde.


B: Das ist sehr simpel, wenn sie hundert Leute impfen können, dann haben sie ihre Liste da, und dann laden sie 70 Männer und 30 Frauen ein, genauso wie die Verteilung auf den Intensivstationen ist. Es geht nicht darum Männer zu bevorzugen, sondern Männer gleich zu behandeln nach ihrem Risiko. Wenn es zufällig so wäre dass Menschen mit blauen oder grünen Augen zwei bis dreimal so häufig einen schweren Verlauf haben, oder sterben weil irgendeine genetische Bedingtheit damit zusammenhängt, dann würden sie auch nicht auf die Idee kommen, die Augenfarbe oder diese genetische Bedingtheit die sie an der Augenfarbe ablesen können nicht zu berücksichtigen und zu sagen, wir wollen doch jetzt nicht Leute mit brauen Augen benachteiligen, die sind ja schon bevorteilt dadurch dass sie viel weniger häufig, viel weniger häufig

Oster (redet dazwischen): Aber Herr Bönt, diesen Vergleich finde ich absurd

Bönt: Es ist überhaupt nicht absurd

Oster:… ich würde auf einer anderen Ebene argumentieren und würde sagen, wenn sie schon mit geschlechtsspezifischen Unterschieden beim Immunsystem argumentieren, dann würde ich sagen, Frauen kriegen Kinder und sterben daran, Frauen kriegen Brustkrebs und sterben daran, Geschlechtsspezifische Unterschiede sind einfach Teil unseres Lebens, und die

Wieder fällt Frau Oster nichts besseres ein, als von Thema „Geschlecht als Risikofaktor bei Covid“ abzulenken, indem sie einwirft, dass manche Frauen Kinder bekommen und sehr wenige dabei bzw. deswegen sterben; was nichts mit Covid zu tun hat.
Und dann argumentiert sie, „geschlechtsspezifische Unterschiede sind einfach Teil unseres Lebens“. Eigentlich müsste sie dafür von Genderfeministinnen an den Pranger gestellt werden, aber wenn es darum geht zu argumentieren, warum es okay ist, dass Männer sterben und nichts dagegen getan wird, kann man sowas wohl beim WDR schon mal bringen.


Bönt (unterbricht): Schauen Sie, Schauen sie, schauen sie Krebs, wenn ich, entschuldigen Sie wenn ich Sie unterbreche. Krebs: Wir haben ungefähr vier bis fünf mal so viel Geld für Krebsvorsorge bei Frauen, und die Bekämpfung des Krebses obwohl Männer häufiger Krebs haben als Frauen und häufiger an Krebs sterben.

Bönt reagiert hier wieder sehr souverän und weißt darauf hin, dass trotz der geringeren Lebenserwartung von Männern und trotz deren häufigeren Erkrankunen an Krebs vielfach mehr Geld in Frauengesundheit gesteckt wird als in Männergesundheit. Wussen Sie, dass es erst ab dem Alter von 45 Jahren kostenlose Krebsvorsorgeuntersuchungen für Männer gibt, während bei Frauen bereits ab 20 Jahren Krebsvorsorge gegen Gebährmutterhalskrebs kostenlost ist?

Oster: Aber Medikamente werden zum Beispiel häufiger an Männern…

Bönt: Jetzt kommen Sie mit etwas anderem
Oster: … getestet als an Frauen…

Das stimmt, aber das liegt auch daran, dass Frauen wegen der Möglichkeit, sie könnten schwanger sein, vor „medizinischen Experimenten“ besonders geschützt werden.
Der Grund, warum Medikamente meist zuerst an Männer ausprobiert werden, ist also, dass Männer als weniger schützenswert bis verzichtbar und damit als bessere Versuchskaninchen gelten, nicht Frauenfeindlichkeit.

Bönt: Jetzt kommen Sie mit etwas anderem, die Männer sterben früher als die Frauen auf allen Gebieten.

Oster: Dann habe ich noch eine Frage an Sie, Frauen werden in vielen Bereichen der Gesellschaft benachteiligt, wie wollen Sie das den Frauen erklären, dass sie sich beim Impfen hinter den Männern einreihen sollen

Man beachte die manipulative Präsupposition, Frauen würden in vielen Bereichen der Gesellschaft benachteiligt, die so nicht korrekt ist. Frauen werden tatsächlich mittlerweile in vielen Bereichen der Gesellschaft bevorzugt, nicht nur bei der Krebsvorsorge, sondern auch in vielen anderen Bereichen.
Und dann kommt die Frage, wie man — unter der falschen Prämisse, Frauen seien benachteiligt — den Frauen noch zumuten könne, jetzt auch noch später geimpft zu werdend, die zeigt, dass Frau Oster die Argumentation von Bönt nicht verstanden hat oder aus Gründen der Dramaturgie nicht verstehen will: Es geht nicht um Frauen gegen Männer, es geht um „Risiko unter Berücksichtigung der Risikofaktoren Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen, Beruf“, etc., und darum, dass Männer aktuell in Bezug auf ihr Risiko zu spät geimpft werden.

Ist es nicht schade, dass auch der angebliche „Gemeinwohlrundfunk“ lieber die Spaltung der Gesellschaft weitertreibt, indem er Journalistinnen versuchen lässt, Keile zwischen Frauen und Männer zu treiben, anstatt darauf hinzuarbeiten, dass alle Menschen gerecht behandelt und gemäß ihrem individuellen Risiko geimpft werden?

Kann man, solange solche Sendungen von unserem Rundfunkbeitrag produziert werden, irgendjemandem übel nehmen, wenn er sich nicht an der Finanzierung solcher männerfeindlicher Inhalte beteiligen will?


Bönt: Ich habe Ihnen eben erklärt: Im Moment werden die Männer benachteiligt, weil ihr erwiesenes Risiko, an Covid schwer zu erkranken, oder zu sterben, nicht berücksichtigt wird. Dass Frauen größere Schwierigkeiten haben, Bundeskanzler zu werden, oder in einem DAX-Unternehmen in den Vorstand gewählt zu werden ist auf einem anderen Blatt. Ich bin sehr dafür, dass Frauen da gleichberechtigt werden, ich bin sehr dafür, dass Männer im Gesundheitssystem gleichberechtigt werden.

Oster: Vielen Dank, Ralf Bönt, Physiker, Schriftsteller, beschäftigt sich sehr mit dem Thema Patriarchat, auch Männergesundheit, und er sagt, man muss das Kriterium „Mann“ bei der Impfreihenfolge berücksichtigen.

Ich bin der Meinung, Frau Oster sollte sich für ihre Fehlleistung entschuldigen und sich von ihren in „provokante Fragen“ verkleideten menschenfeindlichen Aussagen distanzieren.
Ich halte es nicht für tragbar,

  1. Männern (obwohl das erwiesernermaßen falsch ist) eine Mitschuld an ihrer stärkeren Betroffenheit durch Covid zu geben
  2. Den Tod eines Mannes als weniger schlimm als oder höchstens genau so schlimm wie eine Langzeitfolge bei einer Frau hinzustellen
  3. Mit männerfeindlichen Stereotypen, Fake-News und manipulativen Präsuppositionen zu arbeiten, um einen Gesprächspartner mit einer sinnvollen Position unnötig plump zu provozieren

Gibt es in Deutschland einen Rechts- oder Linksruck?

Mit ist aufgefallen, dass sich in Deutschland die politischen Lager nicht einmal mehr einigen können, ob es in den letzten Jahren einen Rechts- oder Linksruck gab.
Dabei klingt das jetzt wirklich nicht nach einer Frage, die übermäßig kontrovers oder in ihrer Beantwortung intellektuell überfordernd sein sollte.

Was spricht für einen Rechtsruck?
Nun, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kann man auf wirtschaftlichem Gebiet einen Siegeszug der Marktwirtschaft nicht leugnen. Russland, China, die alten kommunistischen Länder sind jetzt kapitalistisch geworden, wenn auch nicht demokratisch. Das wirtschaftsliberale Denken hat sich durchgesetzt, Linke sprechen von einem Siegeszug des Neoliberalismus und des Egoismus.
Auch die neuen Medien, die zahlreiche große und kleine Instagramm- und Youtube-Sterne aufsteigen und verglühen lassen, fördern zumindest scheinbar die Ich-Ich-Ich-Gesellschaft.
Wo jeder sich selbst der Nächste ist und eine Zusatzrentenversicherung braucht, weil er sonst im Alter nur noch in Armut vor sich hin vegetieren kann, scheint gesellschaftliche Solidarität abgemeldet zu sein. Und es gibt jetzt die AfD. Braucht es noch mehr Beweise für einen Rechtsruck?

Was spricht für einen Linksruck?
Nun, wenn man Aussagen von Helmut Schmidt aus den 1980ern betrachtet, der bestimmte Zuwanderergruppe für inkompatibel mit der deutschen Gesellschaft erklärt, dann scheint die SPD der 1980er so rechts gewesen zu sein wie heute die AfD. Forderung, die vor 40 Jahren nur radikale Feministinnen gestellt haben, sind heute im Mainstream angekommen. Zahlreiche zentrale politische Fragen, wie zur Atomkraft, zur Zuwanderung, zum Euro, sind dem Anschein nach im Interesse der linken Gesellschaftshälfte gelöst oder zumindest entschieden worden. Statt wie früher eine linke Partei (SPD) gibt es heute drei linke Parteien (Linke, Grüne, SPD)1. Und von Union und FDP haben sich quasi die rechten Flügel abgespalten und die AfD gegründet, weil die Union ihnen unter Merkel zu weit in Richtung SPD gerückt war. Ist das nicht Beweis genug für einen Linksrück großer Teile des politischen Spektrums?

Nun, man könnte auch behaupten, dass Rot-Grün mit Schröder, der Agenda 2010, Hartz IV, Praxisgebühr und der Teilnahme am Balkan-Krieg eine Art „Rechtsruck von Links“ betrieben hätte, oder man könnte behaupten, dass Angela Merkel mit dem Atomausstieg-Austieg-Ausstieg und ihrer permissiven Migrationspolitik einen „Linksruck von Rechts“ hingelegt hätte.

Tatsächlich muss man wohl sagen, dass die eindimensionale Rechts-Links-Achse die Verschiebungen in den verschiedenen Politikfeldern nicht abbilden kann. Wirtschafts- oder sozialpolitisch mögen wir einen Rechtsruck haben, an anderen Stellen haben sich aber tendenziell linke Positionen durchgesetzt. Wenn es mehr Genderlehrstühle gibt, aber auch mehr Geld für die Bundeswehr, dann sind das Dinge, die man im einzelnen eher links oder rechts finden kann, es sagt aber über die Gesellschaft an sich wenig aus. Zumal ich glaube, dass die Verhältnisse der politischen Einstellungen der Menschen sich im Schnitt in der Masse nicht wirklich ändern.

Von daher würde ich konstatieren: Alles verändert sich. Und wer (nur) einen Links- oder Rechtsruck erkennen will, der sieht womöglich einfach nur (nur), was er sehen will.

  1. wobei die Linkspartei als Abspaltung der SPD gesehen werden kann, als Konsequenz des „Rechtsrucks“ der SPD unter Schröder (nach der SPD-Fundamentalopposition gegen alle Reformen unter Lafontaine) []

Eiertanz um das „Z-Wort“

Auf Twitter geht es aktuell heiß her, weil in einer Wiederholung einer WDR-Sendung („Die letzte Instanz“) vom November Menschen die Ansicht geäußert haben sollen, es sei nicht schlimm, „Zigeunersauce“ (oder Schnitzel?) zu sagen.

Menschen mit ausgeprägtem Identity-Politics-Hintergrund, die aus irgendeinem Grund auch als „PoMos“ (Post-Modernisten?) bezeichnet werden, starteten daraufhin einen veritablen Shitstorm, weil das Wort „Zigeuner“ verletzend sei. Mehrere Teilnehmer der Sendung „Die letzte Instanz“ sahen sich daraufhin gezwungen, sich für ihre mangelnde Sensibilität zu entschuldigen.

Nun ist es so, dass nicht wenige Zigeuner den Ersatzbegriff „Roma und Sinti“ ablehnen, weil es neben diesen Gruppen noch viele weitere gibt, so dass sie den Begriff „Zigeuner“ bevorzugen.

Was die Leute auf Twitter kritisieren, ist aber nicht nur, dass der angeblich diskriminierende, rassistische, verletztende Begriff Zigeuner als Fremdbezeichnung benutzt wird, sondern auch, dass man das Wort an sich überhaupt ausschreibt oder ausspricht.

Es tut mir ja wirklich leid für die Anhänger der Identity-Politics, aber wie mehrere Leute auf Twitter bereits festgestellt haben ist die Vermeidung des Aussprechens oder Ausschreibens von Worten eine höchst lächerliche Angewohnheit, die an Harry Potter erinnert, wo der Name des dunkeln Lords, von Du-weißt-schon-wem, von IHM … (Voldemort!), von vielen Zauberern nicht ausgesprochen wird.

Das Problem an der Abkürzung auf einen Buchstaben ist nicht nur, dass man so nur ca. 26 Worte so abkürzen kann. Nein, die Assoziation mit dem richtigen Wort wird nicht verhindert, es resultiert also nicht wirlich eine „Entlastung“ der angeblich von dem Wort als solchem verletzten Gruppe.

Vielmehr ist die (wirkungslose) Etablierung von Ersatz-Abkürzungs-Wörtern für „böse Worte“ nur eine Methode der Lagerbildung und Abgrenzung. Interesse und Sensibilität für die „geschützte Minderheit“ wird kraft der Verwendung der Ersatzwörter symbolistisch nur inszeniert. Durch diese Handlung soll meinem Eindruck nach moralische Überlegenheit gegenüber der Gruppe der als „gedankenlos, grob und gefühllos“ geframten Normalmenschen ausgedrückt bzw. erreicht werden.

Besser wird die Welt durch die moralische Selbstüberhöhung einer selbsternannten Gruppe besserer Menschen natürlich nicht, es wir nur eine künstliche Spaltung der Gesellschaft in die guten, bewusst Sprechenden und die zurückgebliebenen, groben, Dummen etabliert.

Sicher, wenn Schwarze lieber Afrodeutsche genannt werden wollen als Neger sollte man das machen, aber auf die Albernheit, Worte an sich nicht mehr auszusprechen oder auszuschreiben weil sie als Wort an sich immanent schädlich und belastend seien sollten wir uns nicht einlassen.
Denn falls ein Wort wirklich eine negative Konnotation hat, dann wird ein Wortwechsel das nicht verhindern, sondern treibt nur die „Euphemismus-Tretmühle“ an.