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Ich hasse Doctorbox™ oder: Schnelltest-Chaos in Merkel-Deutschland

Um zur digitalen Elite la(tm) des Landes zu gehören, habe ich mich darauf eingelassen, mir Corona-Schnelltest-Ergbenisse digital zustellen zu lassen.

Leider konnte mein Testzentrum das Ergebnis nicht so ausstellen, dass man es in der Corona-Warn-App einfügen kann, also habe ich mir die Doctorbox-App installiert.

Um die Ergebnisse zu bekommen, musste ich mich dann bei Doktorbox mit einem Passwort, einer PIN und einer Super-PIN für meine digitale Gesundheitsakte registrieren, was ein Riesen-Aufwand ist, nur um ein PDF für einen Corona-Test zu bekommen.

Als das dann erledigt war (auch für die Kinder, wobei natürlich auch für diese eine Email-Adresse angegeben werden muss, auch wenn sie gar keine haben bzw. vorher keine hatten…) durfte ich erfahren, dass es 48h dauern kann, bis Dokumente eingefügt sind – wenn der Aussteller (das Corona-Testzentrum) sie denn bereitstellt. Wobei ein Schnelltest-Ergebnis nach 24h bereits eigentlich nichts mehr wert ist.

Leider hat das Testzentrum allem Anschein nach nach Dienstschluss (kurz bevor ich die Registrierung der Doctor-Box-App und das Scannen des Test-Barcodes für mich und Kinder abschließen konnte) die Arbeit komplett eingestellt und die Testergebnisse erstmal liegen lassen, und auf das Testergebnis, das ich für meine Anreise in den Urlaub gebraucht hätte, warte ich auch mehr als 48h später immer noch.

Und die Moral von der Geschichte: Das digitale Versagen im deutschen Gesundheitssystem dauert an. Testzentren unterstützen nicht einmal alle die am weitesten verbreitete App. Testergebnisse werden nicht automatisiert, über irgendwelche APIs, und z.B. geschützt durch Einmal-Schlüssel o.ä. zur Verfügung gestellt, sondern müssen z.B. von der Doctorbox-App über Email angefordert werden, wahrscheinlich ohne durchgehende Verschlüsselung bzw. Authentifizierung.

Hätten wir endlich eine öffentliche Zertifikats-Infrastruktur, hätte endlich jeder Bürger sichere eMail, z.B. S/MIME, was mit dem elektronischen Personalausweis eigentlich kein Problem wäre, dann könnten die Testzentren die Ergebnisse einfach verschlüsselt per Mail schicken, ohne bescheuerte Apps oder Spezialtechnik, und uns bliebe diese ganze Scheiße mit App-Wildwuchs, Eiertanz um Datenschutz etc. erspart.

Aber ich denke, im Jahr 16 der bleiernen Zeit der Merkel-Administration, die sämtliche Chancen für digitale Innovation hat verstreichen lassen, musste man mit sowas rechnen.
Was lernen wir daraus: Lassen Sie Sich Schnelltestergebnisse immer schriftlich auf Papier geben. Und installieren Sie auf keinen Fall DoctorBox. Ist besser so.

Für die Möglichkeit, egoistisch und „böse“ zu entscheiden

Ein Großteil der Politikverdrossenheit in Deutschland geht meiner Meinung nach darauf zurück, dass über scheinbar „alternativlose“ Entscheidungen gar nicht mehr debattiert wird. Dabei lebt Demokratie meiner Meinung nach davon, Dinge auszudiskutieren. Bei der Euro-Einführung hatte man zuviel Angst, die Menschen könnten sich gegen den Euro entscheiden, als dass man eine Volksbefragung darüber zugelassen hätte. Bei der Griechenland-Krise hat niemand in Betracht gezogen, Griechenland einfach pleite gehen zu lassen. Bei der Flüchtlingskrise hat man über die Option, die Grenzen dicht zu machen und Flüchtlinge einfach nicht ins Land zu lassen nicht ernsthaft nachgedacht. Und auch in der Corona-Krise galt es erst als undenkbar, Einreisen zu begrenzen. Es gibt anscheinend gesellschaftliche Dogmen, welches Verhalten gut und richtig ist, die dazu führen, dass bestimmte Optionen nicht einmal mehr debattiert werden.
Und ich glaube, das ist ein großer Fehler, denn so nimmt man den Menschen quasi die Möglichkeit aus den richtigen Gründen das Richtige zu tun, und fördert das Ressentiment, dass irgendwelche Menschen „da oben“ über aller anderen Köpfe hinweg Dinge bestimmen und Gegenmeinungen diskreditieren, indem die gewählte Option als alternativlos verkauft wird.
Ich denke bei einer Volksabstimmung hätte es keine Mehrheit dafür gegeben, Griechenland pleite gehen zu lassen. Und bezüglich der Asyl-
und Migrationssituation müssen wir uns ehrlich machen: Faktisch lässt die EU Staaten wie Libyen, die Türkei und Marokko eher weniger legale „Pull-Backs“ durchführen (d.h. diese Staaten werden dafür bezahlt, dass sie Flüchtlinge, die in die EU wollen, an der Flucht hindern, oder auf dem Weg wieder einfangen), um selbst keine oder weniger illegale „Push-Backs“ durchführen zu müssen. In seiner Exklave Ceuta führt Spanien Blitzabschiebungen durch, die wohl kaum mit einem geordneten Asylverfahren in Einklang zu bringen sind.
Anscheinend sind die Ansprüche der EU an sich selbst bezüglich ihrer Menschenrechtsstandards so unrealistisch hoch, dass man sie im Alltag nicht mehr wirklich erfüllen kann und will, nicht mehr wirklich „lebt“. Wo aber Anspruch bzw. Gesetzeslage und Wirklichkeit bzw. Praxis so auseinandergehen, wo kodifizierte Regeln nicht mehr gelebt, sondern umgangen werden, da ist es an der Zeit, die Regeln zu überdenken und ehrlich zu bekennen, was man zu tun bereit ist und was nicht. Wenn Europa faktisch eine Festung Europa sein will, wo nur Bürgern aus Anrainerstaaten Asyl bzw. Flüchtlingsstatus gewährt wird, dann soll sie das auch so festschreiben. Alles andere schwächt nur die Glaubwürdigkeit der EU als rechtsstaatliche Gemeinschaft.
Es bringt nichts, Tugendhaftigkeit und gutes Handeln vorzuspielen bzw. als alternativlos zu erklären. Man muss auch weniger edle Optionen diskutieren und, wenn man höhrere moralische Standards nicht wirklich zu erfüllen bereit ist, wählen.

Warum werden Eltern nicht bevorzugt geimpft?

Ich bin ja kein Fan von Sascha Lobo, aber er hat teilweise recht mit seinem Artikel Die deutsche Rentokratie, jetzt auch mit Corona-Topping, in dem er beklagt, dass der Schutz bzw. die Impfung von Kindern während Corona erstmal keinen interessiert haben. Kinder wurden ja sogar zuerst als quasi gar nicht von Corona betroffen dargestellt. Mittlerweile wissen wir, dass Kinder tatsächlich zu den Hauptüberträgern von Corona gehören, umso verwunderlicher finde ich es, dass erst jetzt Corona-Impfstoffe auch für Kinder erprobt werden, und dass Eltern in der Impfpriorität nicht vor Alleinstehenden eingeordnet werden. Schließlich sind Eltern durch ihre Kinder einem erheblich höheren Risiko ausgesetzt, sich mit Corona zu infizieren, als kinderlose Erwachsene.
Eigentlich ist es also ein Skandal, dass dieses Risiko nicht berücksichtigt wird, sondern immer nur das Alter oder Vorerkrankungen oder Kontakt mit Alten zählen.

Über ein Jahr nach Beginn der Corona-Krise laufen noch immer Versuche in Schulen, ob Luftfilter vielleicht etwas bringen (anstatt einfach alle Schulen damit auszurüsten), vor Ende der Krise durch Erreichen der Herdenimmunität ist nicht mehr damit zu rechnen, dass irgendwelche effektiven Maßnahmen ergriffen werden werden, um das Infektionsrisiko an den Schulen tatsächlich zu reduzieren. Gerade an Grundschulen und in Kindergärten sind die Schutzmaßnahmen eher eine Farce, der durchschnittliche Zweitklässler ist nicht unbedingt für das gewissenhafte Einhalten von Abstandsregeln bekannt.

Irgendwo ist das natürlich auch wieder typisch für die Regierung Merkel: Erstmal abwarten, erstmal die Wirtschaft retten, erstmal die Rentner als wichtigste Wählergruppe versorgen, und sich generell durchlavieren bis die aktuelle Krise von allein wieder abflaut oder von der nächstschlimmeren überlagert wird. Was die paar Eltern wollen, ob sich Kinder mit Corona infizieren, interessiert ja keinen, denen wird schon nichts passieren…

Künstler vs. Corona-Politik

Bezüglich der Debatte, ob es jetzt gut/richtig/wichtig war, dass Künstler sich etwas sarkastisch über die angesichts der Dauer der Pandemie möglicherweise (noch) erschreckend widersprüchlichen und inkonsistenten Corona-Gegenmaßnahmen geäußert haben, gibt es ein paar Dinge zu bemerken.

Erstens, dass es in vielen anderen Politikfeldern teilweise nicht besser aussieht, was die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen angeht.
Was nutzt uns z.B. die lückenlose Dokumentation medizinischer Behandlungen, wenn gar nicht klar ist, ob die Dinge, die dokumentiert werden, tatsächlich die sind, die gemacht wurden? Was bringt uns die Dokumentation von allem, was gemacht wird, wenn wir gar nicht genug Personal haben, um alles zu machen, was gemacht werden müsste?
Warum kann die Bundeswehr keine Gewehre kaufen, ihr Gerät nicht reparieren und hat keine Luftabwehr, obwohl Milliarden dafür ausgegeben werden?
Die Situation, dass die Politik sinnlos und ineffektiv agiert, scheint in allen Politikbereichen verbreitet zu sein, es fällt nur normalerweise nicht so stark auf, scheint es.

Bezüglich der „Verengung des Diskursraums“, wo jeder, der mit der Politik der Regierung nicht einverstanden ist, als dumm/rechts/böse dargestellt wird ist zu bemerken, dass es möglicherweise reichlich spät war, dagegen zu protestieren.

Schon in der gesamten Ära Merkel war doch die Politik der Regierung „alternativlos“, und haben Medien und Künstler nicht wirklich kritisch berichtet oder gar opponiert.

Kernkraftbefürworter, D-Mark-Liebhaber, Flüchtlings-Aufnahme-Skeptiker, Kritiker des Genderns wurden und werden als rückständig, bösartig und gefährlich dargestellt, als Nationalisten, Chauvinisten, Egoisten, Ausländerfeinde und generell Arschlöcher.

Und erst jetzt trauen sich ein paar Künstler, kritisch anzumerken, dass die Allianz aus Regierung, öffentlich finanzierten und auch privaten Medien mit ihrer erdrückenden Übermacht im Diskurs möglicherweise problematisch sein könnte?

Komm, wir schließen den halben Baumarkt oder: Bullshit-Corona-Maßnahmen heute

Heute sind (in Baden-Württbembarg) mal wieder die Baumärkte auf „Click & Collect“ umgestellt worden, während gleichzeitig die Schulen Präsenzunterricht gemacht haben.

Da fragt man sich als interessierter Bürger natürlich schon, warum das so ist: Sind Kinder und die Gartenabteilung eines Baumarktes tatsächlich weniger infektiös als die Baustoffabteilung?

(Antwort: Nein. Schulschließungen sind tatsächlich eine effektive Maßnahme gegen Corona. Positive Effekte der Schließung der Baustoffabteilung eines Baumarktes sind bisher nicht bekannt.)

Ist die Gefahr einer Infektion im Hornbach mit 10 Meter hohen Decken und einer Abluftanlage für wer-weiß-wie-hohen Luftumsatz höher als im Aldi mit 3 Meter hohen Decken?

Sorry Politik, aber bei aller Liebe: Die Corona-Maßnahmen ergeben keinen Sinn. Anfang 2020 habe ich das noch okay gefunden, weil man ja nichts genaues wusste. Aber jetzt haben wir Ende April 2021 und mittlerweile sollte bekannt sein, wo sich Leute infizieren und was gefährlich ist.

Es ist langsam lächerlich, dass Verbote noch immer „branchenweise“ ausgesprochen werden, ohne Ansehen der individuellen Umstände. Märkte mit leistungsfähigen Lüftunganlagen oder Läden mit effektiven Luftfiltern sollten nicht schließen müssen. Investitionen in Infektionsvermeidung sollten honoriert werden, anstatt alle Geschäfte über einen Kamm zu scheren.

Wie dem auch sei, die Versäumnisse in der Corona-Politik sind zahlreich. Nicht einmal grundlegende Fragen (Wollen wir ewig mit Corona leben oder versuchen, es auszurotten?) sind bisher öffentlich ausdiskutiert. Statt dessen wird die „Politik der ruhigen Hand“ der Regierung Merkel und der Landesregierungen — sprich: Das Aussitzen und Herumlavieren, ohne die grundsätzlichen Fragen zu klären — endlos fortgesetzt.

Nachdem die professionelle Politik es mehrfach — womöglich aus guten Gründen &mdasH, vermieden hat, die Fragen, die die Bevölkerung beschäftigt haben (Euro-Krise, Flüchtlingskrise) offen zu diskutieren und vielleicht auch mal darüber abzustimmen, ist es auch bei Corona wieder so, dass man das Gefühl hat, dass die meisten Parteien hoffen, dass das Thema irgendwie vorüber gehen wird, ohne dass man dazu Farbe bekennen muss.

Sprechen wir doch lieber über Mietendeckel oder Klimawandel, da kennen wir uns aus, da sind die Fronten geklärt und es ist weniger gefährlich, etwas dazu zu sagen, scheint das Motto zu sein.
Aber es ist genau diese Arbeitsverweigerung der Politik, dieser Unwille, sich mit den aktuellen Problemen ernsthaft und konkret auseinanderzusetzen, die dazu führen, dass die Politikverdrossenheit weiter zunimmt.
Wozu soll Demokratie gut sein, wenn alle Fragen, die die Menschen wirklich interessieren, nicht diskutiert werden? Wenn ein Jahr lang im Fernsehen immer nur wieder Schulschließungen und Lockdowns diskutiert werden, anstatt dass Lösungen diskutiert, ausprobiert und beschlossen werden, dann ist es klar, dass das Vertrauen in Staat und Politik sinkt.
Vielleicht lassen die Gesetze und Regelungen nicht genug Raum, Lösungen auszuprobieren — vielleicht würde man sich strafbar machen oder haften, wenn man — vielleicht leicht fahrlässig — etwas weniger Kluges ausprobiert.
Aber wenn das so ist, dann müssen die Gesetze und Regelungen eben geändert werden, damit nicht jede Lösungssuche gleich durch die Bürokratie verhindert wird („Diesen von Eltern gespendeten Luftreiniger dürfen sie im Klassenraum nur betreiben, wenn die elektrische Sicherheit geprüft wurde und sie einen Zulassungsschein A38 vorweisen können…“). Und das hätte nach einem Jahr Pandemie auch schon passieren müssen.

Natürlich ist bei uns nicht alles schlecht, und vielleicht sogar auch im internationalen Vergleich noch relativ gut, aber man doch deutlich das Gefühl, dass noch Raum nach oben wäre.
Wo Baumärkte halb geschlossen werden müssen, weil Pflanzen wichtiger sind als neue Dichtungen für die Spüle, wo Geschäfte abhängig von Sortiment und Branche schließen müssen, nicht abhängig von der tatsächlichen bzw. nach sinnvollen Metriken geschätzten Infektionsgefahr, da fühlt man sich zumindest eher im Land der kleinkarierten Bürokraten und unfähigen Politiker, als im Land der Tüftler und Denker.

Landtagswahl 2021 in Baden-Württemberg: „Deutschland-Koalition“?

In Baden-Württemberg wurde gewählt, und nun scheint sich nur noch die Frage zu stellen, ob schwarz-grün (bzw. grün-schwarz) weiterregiert, oder ob es zu einer schwarz-rote-gelben Koalition kommen könnte. Zweiteres erscheint wenig wahrscheinlich, aber wenn die Union dem Höhenflug der Grünen ein Ende setzen will, wäre das womöglich eine taktisch interessante Option. Falls SPD und FDP sich dafür hergeben.

Bis August 2021 müssten alle Deutschen geimpft sein – wenn es die Merkel-Administration nicht verkackt

Laut Ärztezeitung könnten im ersten Quartal 2021 in Deutschland mehr als 9 Mio. Menschen komplett (zweimal) geimpft werden. Im zeiten Quartal ca. 38 Mio., und im dritten Quartal dann nochmal 63 Mio. Da es in Deutschland nur ca. 82 Mio. Menschen gibt, müssten also im August alle geimpft sein.

Aber man kann fast darauf wetten, dass die Merkel-Administration, Ankündigungsminister Spahn und die Bundesländer das noch irgendwie in den Sand setzen werden.

Warum hinterfragt niemand die Corona-Impfreihenfolge?

Wenn man bei Google nach der Corona-Impfreihenfolge sucht, zum Beispiel mit den Suchworten „Impfreihenfolge Priorität Corona„, findet man überhaupt keinen kritischen journalistischen Beitrag dazu.

Statt dessen: Mitteilungen der Regierung und „Erklärbär“-Beiträge, warum das alles so passt.

Eigentlich hatte ich mir Pluralismus so vorgestellt, dass es zumindest ein oder zwei kritische Stimmen geben würde, warum diese Reihenfolge vielleicht doch fragwürdig sein könnte.

Klar ergibt es Sinn, die am stärksten gefährdeten Menschen zuerst zum impfen, aber dass die Impfreihenfolge darum so sein sollte, wie sie jetzt ist, nämlich nur nach Alter gestaffelt ergibt deshalb noch lange keinen Sinn.

Wie wir jetzt wissen, sind Männer gefährdeter als Frauen, Diabetiker und andere schwer Kranke gefährdeter als Gesunde. Und es wäre auch klug, die Menschen mit den meisten Kontakten und andere potenzielle Überträger bevorzugt zu impfen.
Warum also impfen wir nicht zuerst Paketboten, Friseure und Ärzte sowie medizinisches Personal? Warum gibt es noch keinen Impfstoff für Kinder? Warum impfen wir ggf. nicht vor allem Pendler, die Landesgrenzen überschreiten, und LKW-Faher, die in ganz Europa unterwegs sein müssen, damit niemand eine Infektion zurück nach Deutschland bringen kann? Warum werden Männer wegen ihres höheren Risikos nicht um eine Altersgruppe hochgestuft bei der Priorisierung?

Das wären doch alles legitime Fragen. Aber wie so häufig in der Ära Merkel wird so getan, als wäre die Impfreihenfolge „alternativlos“, und eine öffentliche Debatte über diese Frage von Leben und Tod findet wieder nicht statt.
Aber so funktioniert eine parlamentarische Demokratie nicht. Wenn die Bevölkerung zu allen wichtigen Themen nicht gefragt wird, weil sie zu Euro/Migration/Corona-Impfreihenfolge „falsch“ entscheiden könnte, dann führt das nicht wirklich zu Akzeptanz der Demokratie. Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn die Menschen immer radikaler werden und wählen, weil sie das Gefühl haben, die „Parteien der Mitte“ hörten gar nicht mehr auf die Bürger.

Anteil an diesem Problem hat meiner Meinung nach auch die Tatsache, dass Journalisten genießen, sich als „vierte Gewalt“ zu sehen und sich gerne in den Dienst der Regierung stellen, um einen reibungslosen Ablauf der Corona-Maßnahmen publizitisch zu begleiten, anstatt Kritik zu üben, zu hinterfragen und Opposition zu betreiben. Meiner Meinung nach kann das so nicht weitergehen, darum fühle ich mich auch genötigt, diesen Post zu bringen.

Denn Demokratie lebt von der Auseinandersetzung und eben nicht von der Verhinderung jeglicher Debatte zur Sicherstellung der Harmonie. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich gefühlt schon selbst gleichgeschaltet. Um endgültig chinesische Verhältnisse voller Harmonie und ohne lästige Kontroverse zu bekommen müsste man jetzt nur noch das lästige Mehrparteiensystem abschaffen, zum Beispiel, indem man die GroKo-Partein zur „Demokratischen Allianz der Mitte“ zusammenfasste, und Merkel zur Kanzlerin auf Lebenszeit ernannte; was auch wieder sehr gut zum Reich der Mitte passen würde…

Taschenlampen zu Pistolen oder: Stefan Anpalagan und die (nicht wirklich) gewaltbereite Polizei von Hamburg-Langenhorn

Stefan Anpalagan schreibt auf Twitter über einen Polizeieinsatz in Hamburg, über den die Morgenpost berichtet:
Ein schwarzer Lehrer wird in einem Schulgebäude für einen Einbrecher gehalten. 15 (!) Polizisten marschieren an, zielen mit ihren Waffen auf ihn und glauben ihm nicht, dass er Lehrer an der Schule ist.  /1 Polizeieinsatz in Hamburg: Weil er schwarz ist? Lehrer wird für Einbrecher gehalten | MOPO.de Die Anruferin klingt aufgeregt. Ein schwarzer Mann sei in die Schule eingebrochen, meldet eine Jugendliche in Langenhorn Ende November der Polizei und löst damit einen Großeinsatz aus. Doch der Mann,... mopo.de 6:15 nachm. · 26. Jan. 2021·Twitter Web App 3.182  Retweets 410  Zitierte Tweets 9.296  „Gefällt mir“-Angaben Stephan Anpalagan @stephanpalagan · 14 Std. Antwort an  @stephanpalagan "Er weist die Beamten darauf hin, dass er einen Schlüssel für die Schule habe und Lehrer sei. "Den Polizisten reichte meine Antwort nicht". Sie hätten ihm Fragen gestellt: Wie die Schulleitung heiße, wer der Hausmeister sei."  /2 Stephan Anpalagan @stephanpalagan · 14 Std. "Einige Telefonate später erhält er seinen Ausweis zurück. "Vorher musste ich erklären, wo ich geboren bin und seit wann ich in Deutschland sei". (...) Ende November schreibt er einen Brief an die Beschwerdestelle der @PolizeiHamburg . Bis heute hat er keine Antwort erhalten."  /3 Stephan Anpalagan @stephanpalagan · 14 Std. Ach ja: "Dass eine blonde Kollegin von Spenner früher am Tag in der Schule war, hatte niemand bei der Polizei gemeldet."  Ich finde, dieser unfassbare Vorfall könnte ein wenig Öffentlichkeit vertragen... Vielleicht hat die Polizei Hamburg ja Zeit und Lust sich zu äußern.  /4:

Folgendes war anscheinend der Ablauf:

  1. Eine 14-jährige informiert die Polizei am Samstag abend über einen möglichen Einbruch in einer Schule, mit schwarzem maskierten Einbrecher; die Polizei rückt mit 15 Beamt:innen an.
  2. Sie verlangen, dass er sich ausweist und stellen Fragen, wer er ist und ob er sich in bzw. mit der Schule auskennt. Später führen Sie dann Telefonate um festzustellen, ob er wirklich Lehrer ist.
  3. Am Ende darf der Lehrer unverletzt gehen.

Aus irgendeinem Grund soll die Polizei jetzt rassistisch gehandelt haben. Prüfen wir das doch mal und gehen alle Schritte durch:

1. Die 14-jährige informiert die Polizei: Hätte die Polizei nicht reagiert, wäre sie später der Depp gewesen. Sie musste also diesen möglichen Einbruch ernst nehmen. Dass die Polizei nur einen Streifenwagen geschickt hätte, hätte die Schülerin den möglichen Einbrecher als älteren weißen Mann mit Ellenbogenflicken auf seinem Cordanzug und Bart beschrieben, ist absolut möglich. Insofern gibt es hier tatsächlich eine Ansatzpunkt für den Verdacht des (Alltags-)Rassismus.
Wenn man völlig außer Acht lässt, dass die Polizei ihren Job in der Realität ausübt, und nicht in einem Seminar über Identitätspolitik und Antirassismus, und dass die Polizei wahrscheinlich öfter mit jungen schwarzen Kriminellen zu tun hat als mit jungen schwarzen Lehrern, die freiwillig Sonntags den Unterricht vorbereiten und dabei maskiert in der Dunkelheit in einer leeren Schule herumlaufen, muss man wahrscheinlich sogar auf Rassismus kommen. Allerdings könnte und müsste man den Rassismus dann doch eher der Schülerin anhängen, die einen schwarzen Lehrer Sonntags in einer Schule meldenswert fand, als der Polizei.
Es war jedenfalls nicht verwerflich, dass die Polizei mehrere Streifenwagen geschickt hat, denn sie konnte nicht wissen, dass tatsächlich nur ein Lehrer und nicht mehrere Einbrecher in der Schule waren. Von daher ist es falsch, diesen Schritt der Polizei als eine Art Auftakt zu rassistischer Polizeiwillkür darzustellen.

2. Als der Lehrer behauptet, Lehrer zu sein, glauben ihm die Beamten nicht. Er wird ins Lehrerzimmer eskortiert, weil dort sein Ausweis liegt. Dabei stellen die Polizisten fragen um zu prüfen, ob er Insider-Wissen über die Schule hat.
Das ist wohl eher eine Standardvorgehensweise. Man stelle sich vor, die Polizei würde einfach glauben, dass jemand, der Sonntags in einem Gebäude angetroffen wird, auch dort sein darf, und darauf verzichten, dass er sich ausweist. Das geht nicht. Und das weiß auch Stefan Anpalagan, tut aber so, als wäre es nicht so. Möglicherweise spricht der Lehrer Herr Spenner, der laut MOPO als Straßenkind in Kenia aufgewachsen ist, mit Akzent. Möglicherweise veranlasst das die Beamten, ihn zu fragen, wo er geboren sei und wann er nach Deutschland gekommen sei. Für Herrn Anpalagan ist das wahrscheinlich schon blanker Rassismus, aber um die Plausibilität der Geschichte von jemandem zu prüfen, der keinen Ausweis hat und unter dem Verdacht steht, ein Einbrecher zu sein, aber behauptet Lehrer zu sein, vielleicht keine wirklich dumme Strategie. Auch Telefonate, um festzustellen, ob jemand an einem bestimmten Ort arbeitet, erscheinen taugliche Mittel zu sein, um diese Feststellung treffen zu können.

3. Nach dem Abschluss der polizeilichen Maßnahme kann der Lehrer unverletzt gehen, aber ist den Blicken von Schaulustigen ausgesetzt. Tja – hätte die Polizei den Lehrer vielleicht im Auto mitnehmen sollen? Ich denke eher nicht.

Laut Hamburger Morgenpost trugen die Polizisten schußsichere Westen und Waffen. Nun ist Hamburg-Langenhorn nicht wirklich ein Hort der Kriminalität, aber schußsichere Westen und Waffen gehören wohl in Hamburg zur Standardausstattung der Polizei, und sind in Zeiten steigender Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamten anscheinend auch notwendig und sinnvoll:

Obwohl im Morgenpost-Artikel davon keine Rede ist, schreibt Anpalagan:
15 (!) Polizisten marschieren an, zielen mit ihren Waffen auf ihn und glauben ihm nicht, dass er Lehrer an der Schule ist.

Tatsächlich schreibt die Morgenpost aber nur:

„Plötzlich höre ich Schritte und Stimmen und schon steht vor dem Fenster ein Mann mit gezogener Waffe“, erinnert sich Spenner. „Hinter ihm kommen weitere Uniformierte in hektischem Lauftempo heran. Ungefähr fünfzehn insgesamt. Taschenlampen richten sich mit ihrem grellen Licht auf mein Gesicht, so dass ich geblendet bin. Gerade noch erkenne ich die Reflektoren, die den Schriftzug „POLIZEI“ ergeben.“

Die Polizisten marschieren also nicht (aber wenn eine Gruppe als „rechts“ geframed werden soll, wird bei deutschen Journalisten und Aktivisten grundsätzlich immer marschiert), sondern laufen schnell herbei.
Die Beamten richten ihre Taschenlampen auf den Lehrer, so dass er geblendet wird, was eine kluge Idee ist, wenn man einen potenziellen Einbrecher stellen will. Mindestens ein Polizist hat seine Waffe gezogen, was möglicherweise eine gute Idee ist, wenn man die Möglichkeit in Betracht zieht, dass der Lehrer auch ein vollkommen zugedröhnter Junkie oder psychisch kranker Amokläufer sein könnte, der sich in der Schule verstecken wollte, oder ähnliches, und dass er bewaffnet sein könnte.

Anpalagan macht in seinen Tweets aus dem einen Polizisten, der seine Waffe gezogen hat, und mehreren Polizisten, die Taschenlampen auf den Lehrer richten, mehrere Polizisten, die mit ihren Waffen auf den Lehrer zielen.
Wenn das keine reißerische und vorsätzliche Verfälschung der Fakten ist, was dann? Welche Erklärung kann es geben, dass jemand aus einem tatsächlichen Ereignis mit viel Phantasie eine Horror-Geschichte über übergriffige und rassistische Polizisten fabriziert, die jemanden (wie suggeriert wird) fast erschießen, nur weil er schwarz ist?

Nun, eine mögliche Erklärung könnte der starke Wunsch sein, das eigene Narrativ einer rassistischen und gewaltaffinen Polizei mit Leben zu füllen.

Oder gibt es noch eine andere Erklärung? Hat die Morgenpost ihren Artikel vielleicht geändert, seit ihn Herr Anpalagan gelesen hat? Stand da wirklich, dass mehrere Polizisten auf den Lehrer gezielt hätten? Oder hat er andere Quellen, mit dem Lehrer direkt gesprochen, und erwähnt das nur nicht?
Oder hält er seine eigene Phantasie mit den mehreren Polizisten, die mit ihren Waffen auf den Lehrer zielen, tatsächlich für die Wahrheit? Verbreitet er Fake-News im guten Glauben, für eine gerechte Sache zu streiten?

Kann er für die Polizisten, die abends unverletzt nach Hause kommen wollen, und die täglich mit dutzenden Kriminellen zu tun haben, und darum im Zweifel erstmal niemandem glauben und sich auf alles einstellen, gar keine Empathie aufbringen? Würde Herr Anpalagan einem möglicherweise bewaffneten Einbrecher die Chance geben, seine Waffe zuerst zu ziehen, und seine eigene Waffe erstmal stecken lassen, weil schon nichts passieren wird?

Ich weiß es nicht, aber ich kann mir nach diesen Tweets von Herrn Anpalagan gut vorstellen, wie es zu Vorwürfen kommen kann, dass manche Menschen dort, wo es tatsächlich eher wenige Anzeichen für Rassismus gibt, einfach welchen konstruieren, weil sie sich politisch oder auch beruflich dem Kampf gegen Rassismus verschrieben haben und darum darauf angewiesen sind, dass in der Gesellschaft der Eindruck entsteht, Rassismus sei ein großes Problem.

Und Herr Anpalagan macht hier allem Anschein nach genau das: Eine rassistische(re) Welt konstruieren, in der Schwarze besonders gewalttätig und schlecht behandelt werden, in dem er an einem entscheidenden Punkt der Geschichte einfach aus Taschenlampen Pistolen macht.

Und das, diese unredliche Verfälschung der Fakten, ist das eigentliche gesellschaftliche Problem. Denn in der nächsten Iteration der „Stillen Post“ phantasievoller Aktivisten laden dann die imaginären Rassisten-Polizisten ihre Maschinenpistolen durch, schreien „Achtung!“ und hetzen deutsche Schäferhunde auf ihr Opfer, wo in der Realität nur Taschenlampen auf jemanden gerichtet wurden, und Leute auf Twitter glauben das dann auch noch, weil das genau das ist, was sie sowieso schon glauben und hören wollen.

Susanne Kaiser macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt

Eine Frau Susanne Kaiser (Autorin für die grüne Böll-Stiftung) hat im Tagesspiegel einen Artikel geschrieben mit dem schönen Titel „Warum der Rückfall ins Autoritäre männlich ist“, den ich nicht direkt verlinke, um ihre Klickzahlen nicht um einen Klick zu erhöhen.

Ich habe ein Problem mit dem Artikel, denn:
Negative Eigenschaften oder Konzepte wie „Autoritarismus“ männlich zu assoziieren, obwohl es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass Frauen weniger autoritär agieren oder Autoritarismus geschlechtsspezifisch sei, ist sexistisch. Ich möchte im Folgenden zeigen, dass der Text nicht mehr ist als eine Ansammlung männerfeindlicher Behauptungen und einseitig zu Ungunsten von Männern ausgewählter Fakten. Ein unredlicher Text, der die Spaltung zwischen den Geschlechtern vertieft, für ein feministische Publikum, das feministische Mythen bereits so tief verinnerlicht hat, dass es jedem feministischen Relotius, der ihm erzählt, was es hören will, aus der Hand frisst.

Beginnen wir mit dem Anrisstext:

Für Männer bedeutet der neoliberale Wandel einen Abstieg auf Positionen, die Frauen gewohnt sind. Was sie umso verbitterter dagegen ankämpfen lässt. Ein Essay.

Denken wir kurz nach und erinnern uns an das Zeitalter der Industriealisierung, als Männer 60 Stunden Wochen in Bergwerken geschuftet haben, um dann kurz vor der Rente an Staublunge zu sterben. Oder an das Kaiserreich, wo Männer das schöne Privileg hatten, mehrere Jahre lang Wehrdienst zu leisten und die Chance darauf, in einem Krieg gegen Dänemark, Frankreich, oder auch die ganze Welt erschossen oder zerfetzt zu werden. Und denken wir kurz an den Anteil der Männer an den Obdachlosen und an den Menschen ohne Schulabschluss und an den Strafgefangenen.

Das sind die Positionen, die Männer für den Großteil der Geschichte gewohnt waren und noch gewohnt sind. Was also soll es heißen, dass „der neoliberale Wandel“ für die Männer „einen Abstieg“ bedeutet, auf „Positionen, die Frauen gewohnt sind“?
Männer haben schon immer den Bodensatz der Gesellschaft gebildet. Frauen wurden schon immer so gut wie möglich geschont. Der Feminismus aber schaut immer nur an die Spitze, und wird darum Opfer des sogenannten „Gipfelirrtums„, indem er immer nur die erfolgreichsten Männer sieht, aber diese nicht mit den erfolglosesten verrechnet, bevor er Frauen und Männer vergleicht. Nur dann sind nämlich die im Schnitt in der Masse vielleicht sogar noch erfolgreicheren Frauen scheinbar „unterprivilegiert“. Abgesehen davon, dass „neoliberaler Wandel“ eine sinnlose Worthülse ist, die zu definieren ich Frau Kaiser gerne hiermit auffordern möchte.

Aber gehen wir mal weiter im Text:

Zu Beginn der Covid-19-Pandemie ging eine Fotomontage um die Welt. Sie zeigte die Gesichter der sieben Staats- und Regierungsoberhäupter, die ihre Länder am besten durch die Krise manövrierten und am souveränsten Führung demonstrierten. Die Länder hießen Taiwan, Neuseeland, Island, Finnland, Norwegen, Dänemark, Deutschland – und die Gesichter waren allesamt weiblich..

Frau Kaiser hat also eine Auswahl von Ländern mit weiblichen Regierungschefs aufgetrieben. Die haben angeblich ihre Länder „am besten“ durch die Corona-Krise manövriert. Und „am souveränsten“.

Erster Kritikpunkt: Die Krise ist noch nicht vorbei. Abgerechnet wird zum Schluss, und dann werden wir sehen, wer auf welchen Platz kommt.
Zweiter Kritikpunkt: In Deutschland bestimmen die Länder über die Corona-Maßnahmen; Frau Merkel hat also weder geführt noch manövriert.
Dritter Kritikpunkt: Taiwan, Neuseeland und Island sind Inseln, die schlicht ihre Grenzen zugemacht haben, um weitere Infektionen abzuwehren, mit Quarantäne und Zwangs-Tests für Einreisende. Merkwürdig, dass das an dieser Stelle keine Erwähnung findet. Ein Schelm, wer als Grund vermutet, dass es nicht ins Narrativ von überlegener weiblicher Führung und bösem männlich-autoritär-erfolglosem Gehabe passen würde, dass einige der erfolgreichsten Corona-Bewältiger-Regierungschefinnen ihren Erfolg knallharten „autoritär-männlichen“ Grenzschließungen verdanken. Diese Tatsache unter den Tisch fallen zu lassen belegt meiner Meinung nach sehr gut, wie Frau Kaiser ihren Artikel in bester Relotius-Manier so konstruiert hat, dass am Ende ihre Geschichte und ihre feministische Haltung über Wahrhaftigkeit und Wahrheit triumphieren.

Aber zurück zum erstaunlichen Erfolg der handverlesenen weiblich regierten Länder: Finnland, Norwegen und Dänemark haben den Vorteil, dass sie nicht unbedingt als Reise- oder Transitländer gelten oder besonders dicht besiedelt sind. Umso einfacher sind dort also „gute Corona Zahlen“ zu fabrizieren. Das hätte man vielleicht auch erwähnen können.
Weiterer Kritikpunkt: Länder, in denen Frauen regieren, gehören häufig zu den entwickelsten Ländern der Welt. Unter den entwickelsten Ländern der Welt solche mit guten Corona-Zahlen zu finden ist tendeziell eher einfach. Entsprechend ist die Auflistung von hoch entwickelten Ländern mit weiblichen Regierungsschefs und die Gegenüberstellung mit drei eher erfolglosen und von Männern regierten Schwellen-Ländern als scheinbarer Beweis der Überlegenheit weiblicher Führung einfach nur billigste männerfeindliche Polemik.

Was mich zum letzten Kritikpunkt bringt: Was bedeutet — abgesehen davon, dass die Krise noch gar nicht vorbei ist — eigentlich „am besten durch die Krise manövrieren“? Die geringste prozentuale Zahl an Infektionen zu haben, oder die geringste Rate an Todesfällen?

Das Land mit den meisten Todesfällen pro 1 Million Einwohner ist aktuell (2020-11-16) laut „Worldometers“ Belgien, das von Sophie Wilmès regiert wird, einer Frau. Bolivien schneidet auch eher schlecht ab, und wird von Jeanine Áñez regiert. Im Sommer war die Todesrate in den USA pro 1 Mio. Einwohner geringer als die in Deutschland. Wurden da die USA vorübergehend besser regiert als Deutschland?
Mein Punkt ist: Frau Kaiser wirft mit implizierten Behauptungen um sich, blendet jegliche Gegenargumente aus, und bleibt Beweise für ihre sexistische These, Frauen gingen besser mit Corona um als Männer, vollkommen schuldig; ja sie definiert überhaupt nicht, welchen Maßstab sie anlegt um „gut“ und „schlecht“ zu unterscheiden.

Dann kommt noch:

Dass die tonangebenden Medien weibliche Führungspersonen priesen, blieb nicht ohne Folgen. In der Halböffentlichkeit der sozialen Medien, der Kommentarspalten und der Internetforen brach sich Frust Bahn, wie jedes Mal, wenn Frauen sich in Bereichen bewähren, die von vielen immer noch als Männerdomänen angesehen werden.

Was soll ich sagen: Wenn die „tonangebenden Medien“ auch schlecht recherchierten, einseitig Frauen als — aufgrund ihres Geschlechts überlegen führende — Übermenschinnen darstellenden sexistischen Unsinn als „Preisung“ auf weibliche Führungspersonen geschrieben haben sollten, dann wundert es mich nicht, dass sich „Frust Bahn gebrochen“ haben soll.
Wer sexistische Scheiße ins Internet kübelt, der bekommt sexistische Scheiße zurück.

Leider hat nicht jeder die Zeit und die Möglichkeit, so wie ich ausführlich zu analysieren und zu kommentieren, warum es unseriös ist, Inselstaaten und Binnenländer zu vergleichen, warum es tendenziös ist, sämtliche Regierungschefinnen bei der Corona-Abwehr überhaupt nicht erfolgreicher Staaten zu unterschlagen, warum es tendenziös ist, die autoritären Maßnahmen der erfolgreichen Regierungschefinnen mit keinem Wort zu erwähnen, et cetera.

Der Rest des Artikels ist nicht weiter der Rede wert, man stelle sich einfach eine auf der vorher konstruierten verzerrten Realität aufbauende schlechte Kolumne von Margarethe S. vom Spiegel vor.

Sexistischer Unsinn wird auch dadurch nicht weniger menschenfeindlich und spalterisch, dass er als „feministisch“ verkauft wird. Männern negative Eigenschaften und geringere Fähigkeiten zuzuschreiben und so zu tun, als wären Frauen bessere Menschen und alles Schlechte („Neoliberaler Wandel“!!!) ginge nicht etwa auch maßgeblich auf das Konto von z.B. Margareth Thatcher oder Blythe Masters, sondern allein auf das Konto böser Dunkelmänner, ist nicht progressiv, sondern männerfeindlich.
Zu ihrer Entschuldigung bleibt eigentlich nur zu sagen, dass Sie anscheinend ein Buch verkaufen will, um ihr prekäres Leben als weibliche-feministischer Relotius finanziell etwas komfortabler zu gestalten. Wahrscheinlich hat sie ihren erstaunlich schlechten Artikel nur im Hinblick darauf geschrieben, ihre Klickzahlen hochzutreiben.

Hoffen wir, dass sich das Machwerk nicht verkauft.