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„Charttechniken“: Börsen-Voodoo für Leichtgläubige

Wenn man sich über Aktien bzw. Wertpapiere im allgemeinen informiert, dann findet man stets irgendwelche Webseiten, wo man sogenannte „Chartanalysen“ vornehmen kann. Da kann man dann gleitende Durchschnitte und alle möglichen denkbaren anderen Funktionen berechnen lassen, die angeblich Schlüsse auf den zukünftigen Verlauf der Kursentwicklung ermöglichen sollen.

So schreibt die Zeitschrift „Euro am Sonntag“1 :

Trenderkennung ist die Grundlage der Charttechnik. So ist der Trend die Richtung des Markts, in der er sich wellenförmig bewegt. Ein Aufwärtstrend ist eine Serie höherer Gipfel und Täler, ein Abwärtstrend genau das Gegenteil. Indikatoren sind mathematische Ableitungen des Kursverlaufs. Zur Berechnung werden oftmals Schlusskurse verwendet. Sie bieten tiefere Einblicke in den Kursverlauf und zeigen mögliche Kauf-oder Verkaufssignale an. Unterstützung, auch als Unterstützungslinie oder Support bezeichnet, beschreibt ein Kursniveau, das nicht mehr unterschritten wird. In einem Aufwärtstrend werden Widerstände, die nachhaltig nach oben durchstoßen werden, zu Unterstützungen. Wird hingegen eine Unterstützung nach unten gebrochen, so wird sie zum Widerstand. Widerstand stellt eine schwer zu überwindende Kursgrenze dar. Wird sie nachhaltig nach oben durchstoßen, so gilt dies als Kaufsignal. Je länger sich der Kurs an der Widerstandslinie bewegt, desto geringer die Chance auf einen Durchbruch nach oben.

Auffällig hier ist die Kombination von Aussagen, zum Beispiel, dass Schlusskurse einen tieferen Einblick in den Kursverlauf bieten würden als irgendwelche anderen Kurse, mit Satzteilen im Konjunktiv („mögliche Kauf- oder Verkaufssignale“). Gesagt wird hier also nichts, nur der Leser zu Spekulationen angeregt, wie man nun aus den „tieferen Einblicken“ irgendwelche Signale herauslesen könne.

Eine Glanzleistung des Nichts-Sagens ist auch die zirkuläre Definition von Unterstützung und Widerstand: Ein Widerstand, der durchstoßen wird, wird zur Unterstützung; eine Unterstützung, die durchstoßen wird, wird zum Widerstand; offensichtlich gibt es keine irgendwie sinnvolle Definition, wie „flach“ nun ein Kurs oder Mittelwert verlaufen muss, um von einem Widerstand oder einer Unterstützung zu sprechen.

Einigermaßen absurd ist auch die Behauptung, dass die Chance auf einen Durchbruch nach oben geringer werde, wenn ein Kurs länger an einer sogenannten „Widerstandslinie“ verlaufe. Tatsächlich steigen die Kurse fast aller Aktien langfristig, also könnte man auch behaupten, die Chance auf einen „Durchbruch“ müsse steigen.

Wie dem auch sei; Alle Chart-Techniken sind natürlich völliger Blödsinn, denn man kann von der Vergangenheit nicht auf die Zukunft schließen.

Auch nicht mit Mathematik, „Chart-Techniken“ oder Computern. Die Pseudo-Wissenschaft der Chartanalyse dient allein dazu, Menschen dazu zu bewegen, Umsätze zu machen und Gebühren zu bezahlen und sich selbst einzureden, irgendwie Kontrolle über die Zukunft zu erlangen anstatt nur zu zocken.

Kurse voraussagen kann man höchstens, wenn man überlegenes Wissen hat (dieses einzusetzen wäre Insiderhandel, also eine Straftat), oder wenn man die Kurse manipuliert, z.B. durch falsche Voraussagen (auch eine Straftat).

Oder aber man weiß, dass genug „Charttechnik“-Gläubige bei bestimmten „Signalen“ kaufen oder verkaufen werden. Denn diese können zwar trotz aller Charttechnik nicht die Zukunft berechnen, aber sie machen sich selbst berechenbar.

  1. Ähnlichen Unsinn liest man übrigens in allen „Börsenzeitschriften“, sogar bei der FAZ.] []