Archiv für den Monat: Februar 2020

Gesundheit ist keine Ware, aber Wettbewerb brauchen wir trotzdem

Es ist ein Elend mit dem Gesundheitssystem. Es soll gut funktionieren und für alle da sein, aber gleichzeitig soll es auch möglichst wenig kosten.

Die Privatisierung von Kliniken war eine Idee, durch marktwirtschaftliche Mechanismen die Effizienz zu erhöhen, aber wenn man sich betrachtet, wie das System gerade so läuft, funktioniert es offensichtlich nicht besonders gut.
Überall zu wenig Personal, Geburtsstationen werden geschlossen, weil sie sich nicht lohnen, und wenn eine Corona-Pandemie kommen sollte, dann Gnade uns Gott, denn anscheinend hat unsere Kanzlerin das ganze System kaputtsparen lassen.

Das System der Fallpauschalen ist offensichtlich schlecht. Wenn Ärzte Geld verlieren, wenn Sie einen Patienten länger als die vorgesehenen wenigen Minuten behandeln, und damit der menschliche Arzt der Dumme ist, ist das nicht gut. Andererseits wäre es auch nicht schlau, Ärzte pauschal zu bezahlen, so dass sie auch im Pausenraum Kaffee trinken können, ohne irgendjemanden zu behandeln, und genau so viel Geld verdienen wie ein Arzt, der sich reinhängt. Wer mit geringeren Mitteln die gleichen Erfolg erzielt wie jemand anderes mit großem Material- und Geräteaufwand, muss ebenfalls besser dastehen.

Wie könnte man das Problem also lösen? Meine Idee wäre ein System, wo erfasst wird, welche Kliniken oder Praxen welche Diagnosen mit welchem finanziellen Aufwand und welchem Ergebnis bewältigen.
Die Kliniken oder Praxen, die dauerhaft weit von der Pareto-Front entfernt sind, werden geschlossen (bzw. bei freiberuflichen Ärzten oder privaten Kliniken vom Kassensystem ausgeschlossen) oder personell umstrukturiert (bei öffentlichen Stellen).
Die Kliniken oder Praxen, die nahe an der Pareto-Front liegen (also nicht deutlich schlechter als möglich arbeiten), bekommen Boni für ihre Mitarbeiter.
So gibt es einen Wettbewerb um die beste Behandlung, ohne aber durch eine unterkomplexe Maßnahme wie einen Kostendeckelung mit Fallpauschalen zu provozieren, dass zu Lasten der Patienten versucht wird, aus jedem Fall möglichst viel Deckungsbeitrag herauszuschlagen.

Linke, AfD, CDU, und die Hufeisentheorie

In der aktuelle politischen Debatte wird von der Union gefordert, sie solle aufhören „AfD und Linke“ gleichzusetzen.

Das ist ein Stück weit eine unredliche Forderung, denn ich glaube nicht, dass die Union das wirklich tut. Ganz im Gegenteil hat sie in den letzten Tagen immer betont, das sie beide Parteien aus unterschiedlichen Gründen ablehnt.

Aber vergleichen wir doch einmal Linke und AfD:

Die AfD ist eine völkisch-nationalistische Partei. Sie hat rassistische Positionen. Der sogenannte „Flügel“ wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Neonazis bewegen sich im Umfeld der Partei.

Aber die AfD hat bisher weder die Abschaffung der Demokratie noch die Einführung des Führerprinzips gefordert, ist also nicht „faschistisch“ im historischen Sinne. Tatsächlich hat sie offensichtlich bisher nicht genug gegen die freiheitliche-demokratische Grundordnung unternommen, um im Ganzen vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden. Auch ein Parteiverbotsverfahren haben Bundesrat, Bundestag oder Bundesregierung bisher nicht beantragt, auch wenn es Anzeichen für mögliche verfassungsfeindliche Bestrebungen durchaus gibt.

Entsprechend ist es historisch falsch und tatsächlich eine Verharmlosung des tatsächlichen NS-Faschismus, wenn man den Begriff „faschistisch“ als Kampfbegriff zur Bezeichnung der AfD verwendet. Das mag verlockend sein, um mit maximalem sprachlich-moralischen Druck gegen die AfD vorzugehen. Aber spätestens wenn man auch jüdische FDP-Politiker in Hamburg als Nazis beschimpft, weil ein FDP-Mitglied in Thüringen eine Wahl angenommen hat, die mit Stimmen der AfD gewonnen wurde, muss sich der Begriff „Nazi“ oder „Faschist“ in kürzester Zeit abnutzen. Und auch wenn man damit normale AfD-Mitglieder belegt, die in keiner Weise irgendwelcher Verfehlungen schuldig sind (außer ihrer AfD-Mitgliedschaft), schießt man damit mit Kanonen auf Spatzen und erreicht am Ende, dass „Nazi“ oder „Faschist“ irgendwann nur noch eine einfache Beleidigung sein wird.

Die Linkspartei ist tatsächliche Rechtsnachfolgerin der SED, die als Regierungspartei in der DDR-Diktatur Millionen Menschen Menschenrechte entzogen, hunderttausende bespitzelt, zehntausende terrorisiert, tausende eingesperrt und hunderte getötet hat, durch legislatives und exekutives Handeln. Bodo Ramelow lehnt es ab, die DDR einen Unrechtsstaat zu nennen, und die Linke fordert weiterhin die Einführung des „demokratischen Sozialismus“, wobei man im Hinterkopf behalten muss, dass die „deutsche demokratische Republik“ das ist, was beim ersten Versuch der Linken, den demokratischen Sozialismus umzusetzen, herausgekommen ist. Und das macht niemandem Sorgen?

Weder die AfD noch die Linke kann man mit der NSDAP vergleichen, die Millionen getötet und einen Weltkrieg angezettelt hat; bei der AfD wird es aber von Linken versucht, obwohl es absurd ist, wenn eine wahrhaftige Regierungspartei einer Diktatur, die sich tatsächlich schuldig gemacht hat, einer bisher tatsächlich in Bezug auf Staatsverbrechen unbelasteten Partei vorwirft, eine Reinkarnation des puren Bösen zu sein.

Manche argumentieren, die Linke habe in den letzten 30 Jahre bewiesen, eine demokratische und ganz harmlose Partei zu sein. Aber in der Linken gibt es tatsächlich mehrere extremistische Gruppen, die die freiheitlich-demokratische Grundordnung überwinden wollen, und teilweise großen Einfluss auf die Partei haben. Ob die ehemalige DDR-Staatspartei wirklich so harmlos ist, wenn sie irgendwann Mehrheiten haben sollte, wenn sie noch dazu von linksradikalen Straßenschlägern unterstützt wird, die kein Problem haben, FDP-Politiker zu Nazis zu erklären, die man mundtot machen oder ausschalten müsse, kann niemand wissen.

Insofern tut die Union möglicherweise gut daran, sowohl mit Linken als auch AfD nicht zusammenarbeiten zu wollen. Die Stimmen dieser Parteien „mitzunehmen“, wenn diese einem demokratischen Antrag zustimmen, darf jedoch kein Problem sein. Auch dann nicht, wenn ein FDP-Politiker gewählt wird. Denn Antidemokraten darf nicht weiter die Möglichkeit gegeben werden, durch Zustimmung die Demokratie zu lähmen.


Mein Punkt hier ist: Wenn man das Risiko für die freiheitlich-demokratische Grundordnung bewerten will, dass von AfD und Linke ausgeht, ist es falsch, bei der Beurteilung des Risikos durch die AfD als möglichen Schaden einen Schaden in Höhe des Schadens durch Weltkrieg und Holocaust anzusetzen, und außerdem die Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens eher hoch zu bewerten, bei der Linken aber möglichen Schaden und Eintrittswahrscheinlichkeit als ganz gering einzuschätzen.

Wir dürfen den Linken nicht erlauben, die SED-Diktatur, die 40 Jahre gedauert hat, als „kleinen Betriebsunfall“ hinzustellen. Zwar macht die Linke nicht den Fehler, diese 40 Jahre als „Vogelschiss der Geschichte“ zu bezeichnen, aber wenn man berücksichtigt, dass Bodo Ramelow die DDR nicht als Unrechtsstaat bezeichnen will, muss man folgern, dass die Linke ihre Geschichte als herrschende Partei in der SED-Diktatur ähnlich sieht wie die AfD die NS-Zeit, nämlich als unbedeutende historische Episode, die heute keine Relevanz mehr hat.

Und was die Gefahr durch die AfD angeht, so existiert diese natürlich in einem bestimmten Umfang. Da aber alle rechtlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen ganz anders sind als in den 1920er und 1930er Jahren, muss man das Risiko, dass die AfD einen Weltkrieg anzettelt und KZs baut und einen Massenmord durchführt, als extrem gering einschätzen. Weil wir ein Verfassungsgericht haben, weil wir einen Verfassungsschutz haben, weil wir keinen Streit mit unseren Nachbarländern haben, weil wir keine Hyperinflation und keine Wirtschaftskrise haben, weil wir keine heimlich hochgerüstete Armee haben, die die Grenzen von 1914 wiederherstellen will oder auf den Führer eingeschworen ist, weil die AfD keinen Göbbels und keine SA hat; nicht zuletzt, weil es ca. 39.000 US-Soldaten in Deutschland gibt und es unwahrscheinlich erscheint, dass die USA einem zweiten Holocaust einfach so zusehen würden, oder dass die Bundeswehr einem Einmarsch der Alliierten länger als einen Tag Widerstand leisten könnte. Also auch wenn die AfD tatsächlich wahnsinnig genug wäre, die NS-Zeit wiederholen zu wollen, würde sie an ganz vielen Stellen und aus ganz vielen Gründen im Anfangsstadium scheitern. Darum ist es meiner Meinung nach völliger Blödsinn, so zu tun, als drohte tatsächlich eine Wiederholung der Nazi-Zeit unter Regie der AfD, und als sei die AfD demzufolge über-gefährlich.

Die AfD scheint mir vielmehr von Linken und Linksextremisten gezielt rhetorisch zur wahrhaftigen Wiedergängerin der NSDAP aufgeblasen zu werden, um die AfD dann als eine Art Strohmann zur Rechtfertigung „antifaschistischer“ Gewalt gegen Anderdenkende, inklusive jüdischen FDP Mitgliedern in Hamburg, nutzen zu können, oder um unter Verweis auf die angeblich gigantische dunkle Bedrohung der Demokratie durch die AfD davon abzulenken, dass auch die Linke für die Demokratie nicht völlig ungefährlich ist.

Ich hoffe natürlich, ich habe Unrecht, aber anders kann ich die aktuelle Situation nicht erklären.

Und ich finde es sehr schade, dass es dem Anschein nach niemand (in den Medien) für nötig hält, darauf hinzuweisen, dass die AfD tatsächlich bisher einfach nur eine mittelgroße völkische nationalistische rechte bis rechtsextreme Partei ist, wie es sie leider auch in vielen anderen Ländern der EU vielfach gibt.

Es ist meiner Meinung nach ein Fehler, sie als gefährlicher und damit bedeutsamer darzustellen, als sie ist, um Menschen Angst zu machen, noch stärker zu polarisieren, und (kurzfristige) politische Ziele zu erreichen.

Wer hat in Thüringen was falsch gemacht?

Im Thüringer Landtag sitzen sechs Parteien. Die linken Parteien (Linke, Grüne, SPD) haben versucht, ihren Ministerpräsidenten erneut wählen zu lassen, und sind gescheitert.
Der Kandidat der Union wurde ebenfalls nicht gewählt. Im letzten Wahlgang hat die FDP – wie angekündigt – einen eigenen Kandidaten als Kompromiss aufgestellt. Dieser wurde daraufhin von FDP, Union und AfD gewählt.

Nun ist die Aufregung groß, obwohl es im Prinzip kein Problem sein sollte, wenn Nazis einen Demokraten wählen. Schließlich hat es in der Geschichte üblicherweise nur dann Probleme gegeben, wenn Demokraten Nazis gewählt haben.

Nun ist die Frage, wer was falsch gemacht hat…

Ich halte es für einen Fehler, dass die Linke als linkeste Partei im Parteien-Spektrum versucht hat, ihren Kandidaten im dritten Wahlgang wählen zu lassen. Die Hoffnung, die nicht-linken Parteien würden aus Angst vor Zustimmung von der AfD den linken Kandidaten wählen, war möglicherweise aufgrund von dessen Popularität nicht vollkommen illusorisch, hat sich aber als trügerisch erwiesen.

Dass die AfD wahrscheinlich den FDP-Kandidaten gewählt hat, kann man leider nicht als Fehler sehen, weil sie dadurch die anderen Parteien maximal geärgert hat.

Aber auch der FDP kann man schwer vorwerfen, ihren Kandidaten gewählt zu haben, und auch, dass die eindeutig in der Mitte des Parteienspektrums stehende Partei einen Kompromisskandidaten aufgestellt hat, scheint nicht unbedingt ein Fehler zu sein.
Ob dieser die Wahl hätte annehmen sollen, obwohl ihn vielleich die AfD gewählt hat1, ist strittig. Ich finde allerdings, dass es egal ist, wer einen wählt, wenn man einen demokratischen Kandidaten hat, der die politische Mitte repräsentiert, und dass man eine Wahl, zu der man angetreten ist, auch annehmen sollte.
Es ist meiner Meinung nach absurd, wenn man den Gewählten mit den Wählenden assoziiert. Den Parteien ist es ja auch egal, welche Bürger ihnen bei der Landtagswahl die Stimme geben. Auch dort kommt es nur auf das Ergebnis an.

Sitzverteilung im thüringer Landtag nach der Wahl 2019

Quelle: Wikipedia

Machen wir das Gedankenexperiment, was denn passiert wäre, hätten auch Grüne und SPD den FDP-Kandidaten gewählt: Dann würden wir jetzt keine wütenden Proteste hören, die FDP habe ihren Kandidaten von Nazis wählen lassen, denn die zusätzlichen, aber letztlich irrelevanten Stimmen von SPD und Grünen hätten Kemmerich dann irgendwie legitimiert. Und auch wenn Ramelow ebenfalls von der AfD gewählt worden wäre, hätte ihn das wahrscheinlich nicht beschädigt, denn er ist ja ein Linker.

Grüne und SPD hätten also den kleinen Triumph der AfD, alle anderen Parteien in helle Aufregung zu versetzen, verhindern können, hätten sie nicht das gefährliche Spiel gespielt, auf ein Einknicken von Union und FDP zu setzen.
Doch diese haben sich diesmal eben nicht als Umfaller erwiesen, sondern als Taktiker der Macht, die sich auch durch Guilt-by-Association-Nazikeulen nicht einschüchtern lassen.
Doch Grüne und SPD konnten den Kandidaten der FDP nicht wählen, weil sie sich schon in einer Koalition mit der Linken wähnten. Der Koalitionsvertrag war schon unterschrieben, die Wahl des Ministerpräsidenten hatte man als Formalie gesehen.
Den Weg zu einem Komprimiss der demokratischen Parteien zu einem Kandidaten der Mitte hatten sich SPD und Grüne selbst verbaut.
Diese Tatsache hat die AfD ausgenutzt. Die „Schuld“ an der Wahl von Kemmerich liegt nicht primär bei der FDP. Sie liegt auch bei SPD und Grünen, die demonstriert haben, dass für sie Lagerdenken wichtiger ist als eine ausgewogene Regierung für Thüringen.

Ich gehe heute mit grossem Vertrauen in die Ministerpräsidenten Wahl. Meine Hand ist ausgestreckt, um Neues zu wagen. Demokraten sind gesprächsfähig und gesprächsbereit. Heute heißt es mehr Demokratie und weniger Parteibuch wagen!

Quelle: Twitter

So gesehen wirkt der Tweet von Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow geradezu grotesk, in dem er fordert, mehr Demokratie und weniger Parteibuch zu wagen. Jetzt nach der Wahl, wo die Demokratie anders funktioniert hat als gedacht, und wo sein Lager das Lagerdenken vielleicht hätte aufgeben müssen, wird er sich an diesem Tweet messen lassen müssen. Wenn er sich nicht lächerlich machen will, werden Linke, Grüne und SPD mit FDP und CDU zusammenarbeiten müssen.

  1. bei einer geheimen Wahl weiß man das im Prinzip nicht []

Whatsapp auf neues Handy umziehen

Zuerst einmal: Whatsapp ist böse und sollte von niemandem benutzt werden!

Aber wenn dann doch jemand unbedingt sein Whatsapp umziehen will auf ein neues Handy — so geht es (meiner Erfahrung nach, Stand Januar 2020):

  1. Schritt: Prüfen, welche Software-Version das alte Handy hat (Aufschreiben?)
  2. Schritt: Backup auf dem alten Handy erstellen: WhatsApp -> Weitere Optionen – > Einstellungen -> Chats -> Chat-Backup -> SICHERN; das funktioniert — obwohl das Symbol nach Cloud aussieht — auch ohne Google Cloud, eine lokale Kopie wird ebenfalls erstellt. Mit einem Dateimanager prüfen, ob im internen Speicher (seltener: Sd-Karte) der Ordner whatsapp/databases eine gerade eben erst erstellte Datenbank msgstore.db.crypt12 enthält. Falls ja, enthält diese das gerade eben erstelle Backup.
  3. Schritt: Whatsapp auf dem neuen Handy installieren; das dient nur dazu, dass man den WhatsApp-Datenbank-Ordner auf dem neuen Handy lokalisieren kann. Tipp: Man muss die SIM-Karte nicht in das neue Handy tun, man kann die Aktivierungs-SMS auch auf dem alten Handy empfangen und den Code auf dem neuen Handy eingeben.
  4. Schritt: Sicherstellen, dass neues und altes Handy die gleiche Software-Version benutzen.
  5. Schritt: Whatsapp auf dem neuen Handy deinstallieren (Warum? Damit man dem Whatsapp die Datenbank des alten Handys unterschieben kann).
  6. Schritt: Die aktuelle msgstore.db.crypt12-Datei vom alten Handy auf das neue Handy in den Ordner whatsapp/databases kopieren.
  7. Schritt: Das neue Handy (sicherheitshalber) neu starten (Damit ggf. irgendwelche Caches etc. gelöscht werden).
  8. Schritt: Whatsapp auf dem neuen Handy installieren und starten (die SIM-Karte kann immer noch im alten Handy bleiben); die Option „Wiederherstellen“ sollte nach der Aktivierung angeboten werden! Falls nicht: Weiß auch nicht… Nochmal probieren?
  9. Schritt: Wiederherstellen auswählen, warten, und fertig
  10. Schritt: Ggf. SIM-Karte ins neue Handy stecken

Mannsein für Anfänger – Abenteuer mit Männerrechtlern

Zur Sendung von Mithu Sanyal auf SWR2 am heutigen Sonntag, den zweiten Februar 2020 um 14:05 möchte ich ein paar Dinge anmerken:

1. An mehreren Stellen spricht die Autorin von „Maskulinisten“ und tut so, als wären die Begriffe „Männerrechtler“, „Maskulist“ und „Maskulinist“ gleichbedeutend.
Da die Begriffe z.B. in der Wikipedia strikt unterschieden werden und „Maskulinismus“ explizit für Vertreter einer Ideologie männlicher Überlegenheit steht, muss man sich fragen, ob die Autorin nicht richtig recherchiert hat, oder ob sie absichtlich alle Männerrechtler und auch z.B. die sogenannten „Weltraumaffen“ in einen Topf mit „Männlichen-Überlegenheits-Ideologen“ werfen wollte. Beides wäre irgendwie enttäuschend. Aber als Männerrechtler ist man ja Kummer und die Qualität staatlich geförderten Journalismus‘ gewohnt.1

2. An einer Stelle kommt der Gender-Forscher Andreas Hechler zu Wort. Er sagt unter anderem

Männer haben in unserer Gesellschaft Nachteile, sie sind aber nicht benachteiligt.“

oder

Also es gibt Nachteile, aber es gibt auch ganz erhebliche Vorteile und Privilegien und das kommt da [bei den Männerrechtlern] nicht mehr vor.

Das ist insofern interessant, als dass hier mit zweierlei Maß gemessen zu werden scheint. Warum sollten Männerrechtler „Frauen mitdenken“ bzw. „vorkommen lassen“, wenn doch umgekehrt Feministinnen so gut wie nie auf irgendwelche Probleme von Männern eingehen? Im Gegenteil, wenn Männer Ansprüche anmelden oder auch nur fragen, wie man ggf. mit (gleichwertigen oder gravierenderen) Problemen von Männern umzugehen gedenke, werden diese Frage mit Sprüchen von „Male tears“, von „Fragiler Männlichkeit“, mit der Anschuldigung des „Whataboutism“ und zahlreichen aggressiven anderen rhetorischen Techniken abgebügelt und z.B. als „Derailing“ delegitimiert.

Warum genau sollten Männerrechtler sich nicht nur für Männerrechte einsetzen, wenn Feministinnen das vollkommen unangefochten tun dürfen?
Hat da der Genderforscher Hechler sexistische Stereotypen im Hinterkopf die ihm einflüstern, es könne doch nicht sein, dass sich Männer für eigene Interessen einsetzen, ohne Frauen und Kindern den Vortritt zu lassen? So wie (der Legende nach) Männer früher heldisch zu ertrinken hatten, wenn in den Rettungsbooten nur Platz für Frauen und Kinder war?
Hier hätte ich mir gewünscht, dass hinterfragt würde, warum es denn illegitim sein solle, wenn Männer sich nur für ihre eigene Gruppe und ihre Interessen einsetzen, obwohl Frauen das seit 100 Jahren tun. Wo ist da die kritische Distanz?
Mir scheint es wirklich so, als wäre auch in den Hirnen der wokesten Genderwissenschaftler die Vorstellung vorherrschend, Männer müssten einen wohlwollenden Paternalismus leben, aufgrund dessen Männer immer auch für das Wohl von Frauen verantwortlich seien, Frauen aber für eher wenig, im Zweifel noch nicht mal für ihre eigenen Straftaten (Gender Jail Gap). (Männerrechtler sprechen auch manchmal von „Femaly Hypoagency“)

3. Gleich nach diesem Abschnitt mit Andreas Hechler kommt folgender Teil von Mithu Sanyal:

Zum Beispiel: Männer sind in Politik, Wirtschaft und Medien deutlich besser repräsentiert als Frauen. Das geht so weit, dass im Fernsehen auf jede Frau zwei Männer kommen, es sei denn, sie ist über 50, dann kommen auf sie dreimal so viele Männer.

Warum fällt Frau Sanyal nicht auf, wie sie hier auf den „Trugschluss der Komposition“ hereinfällt, also auf den Irrtum, aus der Betrachtung der Spitze der Gesellschaft könne man darauf schießen, dass in der gesamten Gesellschaft Männer mehr Macht und die besseren Rollen bzw. Posten hätten?
Warum sollte der Anteil von Männern in den Spitzenpositionen von Politik, Wirtschaft und Medien etwas über die Männer als Gesamtheit aussagen? Was nutzt es dem männlichen Individuum, wenn andere Männer „ungerechtfertigt erfolgreich“ sind?
Sie tut hier genau das, was Andreas Hechler den Männerrechtlern vorwirft, nämlich einseitig nur entweder Vorteile oder Nachteile aufzuzählen. Dass Männer auch die erdrückende Mehrzahl der Paketboten und Obdachlosen und Opfer von Gewalttaten stellen wäre eine wichtige Information gewesen, um das scheinbare männliche Privileg, häufiger im Fernsehen zu erscheinen und Spitzenpositionen in der Wirtschaft zu besetzen — das nur ganz ganz wenige Männer genießen — wieder zu relativieren.

Man muss wohl davon ausgehen, dass Frau Sanyal bei der Endredaktion Ihres Beitrags auf Unterstützung durch Nicht-Feministen verzichtet hat. Das ist schade, denn sonst hätte der Beitrag, der sich in großen Teilen wohltuend von der üblichen radikalfeministischen männerfeindlichen Hetze absetzt, noch reflektierter und handwerklich besser werden können.
So müssen wir wohl noch etwas länger auf einen geschlechterpolitischen Beitrag ohne feministische Schlagseite im ÖRR warten.


Was mir noch aufgefallen ist beim x-ten Lesen des Transkripts; folgender Part ist fast etwas goldig… die Autorin/Feministin (Jahrgang 1971) ist verunsichert, und braucht einen White Knight, der ihre feministische Überzeugung wieder bestärkt. (Mit illegitimen Vorwürfen gegen Männerrechtler, wie oben ausgeführt.)

Autorin: (…) Doch, um ganz ehrlich zu sein, bin ich inzwischen so verunsichert, dass ich Hilfe brauche. Vielleicht gehe ich ja den Männerrechtlern auf den Leim. Ich finde diese Hilfe bei Andreas Hechler, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Bildungsreferent des Forschungsinstituts Dissens, das patriarchatskritische Jungen- und Männerarbeit macht.

  1. Sarkasmus!! []