„Faschisierung aus der Gamer-Szene“ oder: Mehr Unsinn im Freitag

Der Freitag ist, wie gesagt, eine tolle Zeitung, aber ich mache mir schon ein wenig Sorgen wegen der Qualität.

Da schreibt eine Autorin einen wirren Artikel über eine angebliche „Faschisierung“ der Gamer-Szene, der komplett in gender-pseudo-wissenschaftlichem Slang geschrieben ist.

Ein paar Zitate und Anmerkungen:

In Deutschland ist vor kurzem unter dem Hashtag #GamerleaksDE eine neue Öffentlichkeit entstanden, die die inneren Strukturen und radikalen Politisierungen der Gamer-Szene offenlegt.

Frage: Entsteht durch ein Hashtag auf Twitter, wo weniger als 10% der Bevölkerung einen Account haben, tatsächlich „eine neue Öffentlichkeit“? Oder ist es nicht eher so, dass durch ein Hashtag lediglich für eine begrenzte Zeit die Aufmerksamkeit einer kleinen Gruppe von Menschen auf ein Thema gelenkt wird? Und können überhaupt irgendwelche Strukturen „der Gamer-Szene“ offengelegt werden, obwohl Gamer im allgemeinen überhaupt nicht organisiert sind, sondern zu ca. 99% einfach nur irgendwelche Leute, die ein Spiel installiert haben und spielen? Was für „radikale Politisierungen“ sollen in einer nicht-organisierten Gruppe bestehen? Warum steht „Politisierungen“ in der Mehrzahl? Und wieviele hundert Stunden hat die Autorin eigentlich in „der Gamer Szene“ recherchiert, um zu ihren Erkenntnissen zu kommen? Man weiß es nicht, hat aber unmittelbar den Eindruck, dass ihre Behauptungen eher ihrem Wunschdenken entspringen, als dass sie mit Fakten hinterlegt wären.

Besonders schön finde ich auch diesen Absatz:

Die im Zuge der schleichenden Faschisierung der Szene ist ein Spiegelbild der weltpolitischen Entwicklungen und muss als solche verstanden werden. Andererseits beinhaltete die Möglichkeit der inszenierten Realitäten im Internet immer eine tiefergehende und schnellere Radikalisierung des Sagbaren.

Ehm… wie bitte? Im ersten Satz fehlt das Verb. Und im zweiten Satz… „beinhaltete die Möglichkeit der inszenierten Realitäten im Internet (…) eine (…) Radikalisierung des Sagbaren“. Ergibt dieser Satz irgendeinen Sinn? Wie kann eine Möglichkeit inszenierter Realitäten eine Radikalisierung des Sagbaren beinhalten? Und was ist eigentlich eine Radikalisierung des Sagbaren?

Möglicherweise kann das, was als Sagbar gilt, zunehmend radikaler werden, also sich die Grenze des Sagbaren immer tiefer ins Radikale verschieben. Vielleicht meint sie das, aber hatte keine Lust, sich verständlich auszudrücken.

Aber was das mit inszenierten Realitäten im Internet zu tun hat, bleibt dennoch das Geheimnis der Autorin. Filterblasen und imaginierte andere Kontexte können auch außerhalb des Internets Einfluss auf das Sagbare haben, das gilt beim AfD-Stammtisch ebenso wie beim Treffen der Antifa.
Oder beim Live-Action-Roleplaying, wo „Vernichtet alle Menschen!“ möglicherweise bei der freundlichen Ork-Gruppe von nebenan im Kontext des Spiels vollkommen okay sein kann. Aber dann, nämlich in einem imaginären Kontext, hat das in diesem Kontext Sagbare auch nicht mehr viel mit dem in der Realität Sagbaren zu tun. Und das wird auch für die in Spielen „inszenierten Realitäten“ gelten. Üblicherweise können Menschen Realität und Spiel sehr gut trennen.
Das heißt, auch wenn im Umfeld „der Gamer Szene“ Versatzstücke aus dem im jeweiligen imaginären (Spiel-)Kontext Sagbaren in die Realität herüberschwappen sollten, vielleicht in Spiel-bezogenen Chats, muss das noch lange nichts mit „radikalen Politisierungen“ zu tun haben, die zu einer „Faschisierung“ der Real-Welt führen.
Diese Idee, dass quasi aus Spielen heraus das Böse[tm] in die Realität hereinbricht erinnert nicht nur ein wenig an die „Dungeons & Dragons“-Panik in den 1980ern oder Warnungen vor Rock-Musik, die &mdash wir wissen das aus den 50er JAhren! — zu einer Verrohung der Jugend führen soll!!!
Will heißen: Diese Idee ist im Kern uralt und vor allem auch reaktionär und zeugt von einer Urangst vor männlichen Jugendlichen und jungen Männern, die außer Kontrolle geraten könnten.

Jetzt habe ich schon ca. 400 Wörter verbraucht, um gerade mal zwei Sätze aus dem verlinkten Artikel zu entschlüsseln.

Und das ist genau das Problem dieser Art von Artikel: Wenn sie überhaupt jemand liest, dann versteht sie erstmal keiner. Und wenn man sich die Mühe macht, sie zu entschlüsseln, dann kommen häufig Trivialitäten heraus.
Die pseudo-wissenschaftliche Sprache der Genderwissenschaften, die hier durchscheint, ist auf die Vortäuschung von intellektuellem Potenzial und Komplexität optimiert. Das Triviale dieser Sätze wird hermetisch eingeschlossen; durch unnötig komplexe Grammatik und ungewohntes Einstreuen z.B. des Plurals wird auch eine Komplexität des Denkens simuliert.

Dieses Vorgehen ist auf Ausgrenzung angelegt, die Texte richten sich nur an eine eingeweihte „In-Group“. Es handelt sich hier um „Preaching to the choir“, denn die Texte wollen, können aufgrund ihrer Form niemanden überzeugen, der nicht bereits überzeugt ist.
Darum erschließt sich mir auch nicht, warum dieser Text im Freitag veröffentlicht worden ist. Es ergibt keinen Sinn, außer vielleicht „virtue signalling“ an eine mögliche Zielgruppe der Zeitung, nämlich ein paar hundert radikale Gender-Feministinnen. Die aber wahrscheinlich ihr Geld nicht für ein Feitag-Abo ausgeben werden…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.