#notheidisgirls oder wie der Netzfeminismus jungen Frauen die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln abspricht

Angesichts der drohenden neuen Staffel von Germany’s Next Topmodel wittert der Netzfeminismus wieder ein Chance, sich wichtig zu machen zum Kampf gegen die angebliche Reduzierung von Frauen auf Schönheit etc. zu blasen.

Was die Netzfeministinnen aber mal wieder vollkommen übersehen ist, dass die Teilnehmerinnen bei GNTM dort freiwillig mitmachen.

Wenn man Frauen ernst nimmt, dann muss man ihnen auch die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung (englisch „agency“) zusprechen, die Entscheidung zu treffen, an einer Casting-Show wie GNTM teilzunehmen.

Und das tut der Netzfeminismus nicht. Statt dessen stellt er die Teilnehmerinnen als dumme Hascherl, manipulierte Agentinnen des Patriarchats, blauäugige oberflächliche Beauty-Idiotinnen und Fashion-Victims hin. Das ist kein „Empowerment“, dass ist das Gegenteil, nämlich Frauen die Urteilsfähigkeit und Selbstbestimmung abzusprechen und sie zu hilflosen Objekten gesellschaftlich-medialer Beinflussung zu erklären.1

Feministinnen sollten junge Frauen gefälligst als handelnde Personen ernst nehmen, die aus eigenem Antrieb heraus selbstbestimmt abgewogene Entscheidungen treffen (können), anstatt vorzuleben, wie man Frauen als zu jung, zu dumm, oder als zu Eigenverantwortung nicht fähige Wesen hinstellt.

Keiner heutigen Teilnehmerin von GNTM mit IQ über Raumtemperatur kann nach gefühlten 20 Staffeln entgangen sein, dass es bei GNTM vor allem darum geht, Rasierer, Uhren und Kleinwagen im Rahmen einer Art Reality-Show zu vermarkten, und dass der Job eines Models vor allem darin besteht, Designern und Fotografen zu gefallen und Mode gut aussehen zu lassen.
Vorauszusetzen, dass die Teilnehmerinnen nicht begreifen können, worauf sie sich einlassen, bedeutet, sich über sie zu stellen und sie nicht ernst zu nehmen, weil man sich selbst für intellektuell überlegen hält.

Sicher, es gibt in jeder Staffel „Zählkandidatinnen“, deren Chancen auf den Sieg eher gering sind und die anscheinend aus dramaturgischen bzw. Diversity-Gründen noch ein paar Folgen mitgeschleppt werden nachdem sich schon abzeichnet, dass sie nie gewinnen könnten. Aber werden diese Kandidatinnen, an die sich nach einem Jahr manchmal bereits niemand mehr erinnert, jetzt ausgenutzt, oder nutzen sie möglicherweise GNTM als Sprungbrett in eine Karriere als C-Promi?
Menderez aus DSDS lebt gerüchteweise ganz gut von seinem Job als Vorzeige-Totalausfall der deutschen Musikcastingshow Nummer eins. Ist er ein Idiot weil er es geschafft hat, aus fehlendem Talent und absoluter Schmerzfreiheit bezüglich öffentlicher Selbst-Demütigung Kapital zu schlagen? Oder sind diejenigen die Idioten, die ihn für einen Idioten halten, der nur vom Fernsehen vorgeführt wird?

Die Welt ist nicht schwarz und weiß, wie der Netzfeminismus sich das vorstellt bzw. uns glauben machen will, dass sie wäre. Manche Kandidatinnen bei GNTM mögen naive kleine Mädchen sein, die vom Fernsehen verarscht werden, manche sind sicher höchst reflektierte Unternehmerinnen in eigener Sache, die die Chancen nutzen, die GNTM möglicherweise auch bietet; und wenn es nur die Möglichkeit ist, tausende Instagramm-Follower zu bekommen.

  1. Das Problem hier ist vor allem, dass Netzfeministinnen in dem festen Glauben leben, wenn nur alle Frauen intelligent und feministisch aufgeklärt wären, würden sie so denken (müssen!) wie Netzfeministinnen. Also müssen alle Frauen, die nicht so denken wie die Netzfeministinnen entweder dumm oder durch patriarchale Indoktrination verblendet sein. []