Unitymedia, DSLite, IPv6 und ich

Ich wohne an einem Ort, wo es DSL gibt, LTE oder Kabel von Unitymedia.
Angebote für DSL gibt es unzählige, da ja die Telekom die letzte Meile für andere Anbieter zur Verfügung stellen muss – aber mehr als ADSL2 gibt es in meiner Gegend nicht, Datenraten von mehr als 16.000 kbit/s werden nicht garantiert. Glasfaser wird es bis auf weiteres eher nicht geben, weil es ja schon Kabel gibt, und Kabel gibt es nur von Unitymedia. Und das Kabel für Konkurrenten öffnen kann man anscheinend aus technischen Gründen nicht.

Also muss ich mich zwischen DSL, LTE (und ggf. DSL), und Kabel entscheiden. Kurz und gut: Kabel war am günstigsten.

Also habe ich mir das „2play Comfort 120“-Paket bestellt, per Sonderaktion, Rabattportal etc. zum sensationellen Niedrigpreis, jedenfalls für die ersten 12-24 Monate.1

Nun hätte man im Prinzip stutzig werden sollen, warum Unitymedia die Telekom, Telefonica etc. unterbietet, obwohl diese Datenraten-mäßig mangels Glasfaser und wegen anscheinend nicht besonders hoher LTE-Verfügbarkeit nicht an die 120 MBit herankommen. Wurde ich aber nicht.

Relativ schnell hat sich dann aber der Pferdefuß am extragünstigen 120MBit-Tarif herausgestellt: Der Internet-Zugriff über den „DSLite-Stack“ führt dazu, dass man sich beim Zugriff auf IPv4-basierte Dienste eine IPv4-IP-Adresse mit anderen Unitymedia-Kunden teilt.

Und das hat mitunter zwei wenig schöne Effekte. Der erste ist, dass der Zugriff z.B. auf Firmen-VPN-Dienste nicht oder nicht zuverlässig oder nicht immer funktioniert, wenn diese auf IPv4 basieren. Das war für mich nicht akzeptabel. Der zweite ist, dass man z.B. für 24 Stunden vom Zugriff auf z.B. Email-Server ausgesperrt werden kann, wenn irgendein Idiot, der auch Kunde bei Unitymedia ist und gerade die gleiche IP hat, sein Passwort zu oft falsch eingibt, oder sich als Hobby-Hacker betätigt. Das ist mir in den ersten Tagen auch gleich mal passiert.

Manche Dienste kann man zwar auch über IPv6 zugreifen, aber längst nicht alle, und wenn man ein Handy hat, das nur IPv4 kann, und dieses sich dann im heimischen WLAN die Mails abholen will, aber man nicht weiß, ob es vielleicht gerade ausgesperrt wurde, weil das Handy-Betriebssystem Fehlermeldungen nicht so detailliert anzeigt wie ein Desktop-Email-Programm, dann ist das keine so schöne Sache, weil man dann möglicherweise wichtige Emails erst Stunden oder Tage später auf dem Handy bekommt.

Ich habe mich natürlich bei Unitymedia beschwert, dass in den AGB etc. vor Vertragsabschluss nie die Rede davon war, dass dieser DSLite-Zugang über IPv6 zumindest heute (noch) nicht als vollwertiger Internet-Zugang gesehen werden kann, weil übliche Dienste nicht funktionieren und man sogar von Email-Server ausgesperrt werden kann.
Aber nachdem ich einige Zeit in der Unitymedia-Consumer-Telefonsupport-Warteschleife verbracht und mehrere Mails mit Textbausteinen bekommen hatte, die — für Laien natürlich vollkommen unverständlich — darauf hinwiesen, dass Unitymedia wegen der ausgehenden IPv4-Adressen quasi gezwungen sei, diesen merkwürdig verstümmelten Internet-Zugang anzubieten, wurde mir klar, dass es sich nicht rechnet, sich mit Unitymedia anzulegen und Zeit zu verlieren wegen ein paar Euro im Monat.

Denn wenn man mal gaaaaanz kurz von der eigenen Fixierung auf das allergünstigste Angebot ablässt stellt man fest, dass auch der Unitymedia-Tarif „Office Internet & Phone 50“ mit immerhin 50MBit, IPv4, garantierter Verfügbarkeit, und Business-Support immer noch günstiger ist als alle Konkurrenz-Angebote. Und unter uns: Wann braucht man schon wirklich mal 120Mbit statt 50MBit.
Ich rief also flugs im Business-Interessenten-Callcenter an, telefonierte nach ca. 0 Minuten Wartezeit mit einer ebenso unterhaltsamen wie freundlichen Supportmitarbeiterin, und nach ca. einer Stunde hatte ich den Business-Tarif mit immerhin 50MBit, 99,5% Verfügbarkeit, Problemlösung innerhalb von 6 Stunden etc., zum Preis eines normalen Consumer-Tarifs z.B. der Telekom oder auch eines normalen DSL-Anschlusses — also jedenfalls für die ersten zwei Jahre…

Und schon ging der VPN-Zugang wieder und alles war gut.

Insofern möchte ich jedem raten, der nicht sicher ist, allein mit IPv6 auskommen zu können, sich gleich so einen Business-Tarif zuzulegen. Klar, es kostet ein paar Euro mehr, aber die Lebenszeit bzw. Arbeitsstunden, die man verliert, wenn man aufgrund des DSLite-Stacks Probleme hat, wiegen schwerer als die letzten 10 Euro Ersparnis im Monat.

  1. Ich finde diese Aktionen, Neukunden gegenüber langjährigen Kunden zu bevorzugen, eigentlich ziemlich mies, aber die Angebot sind eben so, also nehme ich den Anfangsrabatt natürlich mit… []