Michael S. oder: Der Zusammenbruch des Poststrukturalismus

Der Blogger Michael S. schrieb vor einigen TAgen in seinem Blog im Beitrag „Warum wir eine Netzinnenpolitik brauchen, warum er den Kampf gegen „Maskulinisten“ für höchst wichtig hält, wie er durch Lobbyarbeit z.B. Facebook oder Twitter auf seine genderfeministische Linie bringen will.

Wer Michael S. schon öfter gelesen hat, der weiß, dass er gern Männerrechtler bzw. Gender-Feminismus-kritische Humanisten in den gleichen Topf wirft wie Anti-FeministInnen, MaskulinistInnen, RassistInnen und Nazis. Und dass er sich in einem Kulturkampf der guten Feminist_ixs gegen das Reich des Bösen (bevölkert von Männern, und patriarchal gehirngewaschenen Frauen) wähnt, dass er also ein überzeugter Anhänger der genderfeministischen Ideologie ist.

Doch dem Genderfeminismus schwimmen die Felle davon. Die auf poststrukturalistischen Thesen basierende Idee, „Gender“ sei vom biologischen Geschlecht entkoppelt, die Geschlechterrollen könnten deshalb „dekonstruiert“ und aufgelöst werden, stellt sich als nicht vereinbar mit der Wirklichkeit heraus. Über ein Jahrzehnt „Girls Day“ hat die Berufswahl von Frauen kaum beeinflusst, im feministischen Schweden haben sich die Unterschiede bei der Berufswahl von Frauen und Männern sogar noch verstärkt.
Durch die seit Jahrzehnten bestehende tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen glaubt einfach niemand mehr die „Erzählung“1 dass die vom Genderfeminismus postulierte Unterdrückung von Frauen tatsächlich stattfindet; darum müssen Feminstinnen zunehmend zu Taschenspielertricks wie der absichtlichen Falschdarstellung von Tatsachen greifen, wie z.B. beim „Gender Pay Gap“.

Die These bzw. Hoffnung, die Realität sei mit der Wahrnehmung der Realität „rückgekoppelt“, hat sich nicht erfüllt. Die Wirklichkeit durch Umdeutung (durch „Erzählungen“) nachhaltig zu verändern, wie vom Poststrukturalismus postuliert und vom Genderfeminismus erhofft, ist nicht gelungen.
Wie auch andere Ideologien zuvor kann der Genderfeminismus zwar die Wahrnehmung der Realität ein Stück weit verbiegen, aber weder dauerhaft, noch bei einer Mehrheit der Menschen.

Unterbewusstsein und Triebe sind nicht durch „alternative Erzählungen“ (oder: Propaganda) umzuprogrammieren. Stalins Seeleningenieure konnten keine Menschen schaffen, die zum Kommunismus passen, und auch der Genderfeminismus und seine Seeleningenieure werden daran scheitern, dass der Mensche (an sich) im Innersten kein Interesse an einer Abschaffung von Geschlechtern oder Geschlechterrollen hat.

Wie auch andere Ideologien zuvor hat der Genderfeminismus seine Halbwertszeit überschritten, und die Gender-Studies drohen als Pseudowissenschaft zur Legitimierung der genderfeministischen Ideologie entlarvt zu werden, und wie der wissenschaftliche Sozialismus oder die Physiognomik trotz fleißig produzierter Papierberge voller angeblicher „Ergebnisse“ und vorübergehender Anerkennung als „Wissenschaft“, in der Versenkung zu verschwinden.

Auch liberale, neue journalistische Formate wie Cicero oder der Freitag bringen alle paar Tage oder Wochen (Gender-)Feminismus-kritische Artikel, der überfällige Backlash ist also voll im Gange.

Michael S. kämpft darum mit seinen Artikeln und Forderungen nach Ächtung und Ausgrenzung von „Maskus“ etc. verzweifelt gegen diesen gesellschaftlichen Klimawandel, gegen die Entlarvung der Ideologie, deren Verteidigung er sich seit Jahren verschrieben hat, als ideologischer Unsinn.
Denn was wäre in einer Welt, in der Frauen tatsächlich gleichberechtigt sind, eigentlich paternalistischer als jemand, der sich selbst als feministischer Ally inszeniert?
Tatsächlich geht es für S. als Absolvent der angewandten Kulturwissenschaften nicht nur um seine Selbstinszenierung, es geht auch um den Wert seines akademischen Abschlusses, seine publizistische Glaubwürdigkeit, seine berufliche Zukunft.

Und er kämpft mit Waffen, die immer stumpfer werden. Nach Jahrzehnten, in denen sich sozialdemokratische politische Positionen weithin durchgesetzt haben, und die Parteien insgesamt immer weiter nach links gerückt sind — so dass jetzt möglicherweise rechts neben der CSU Platz für die AfD sein könnte — wirkt es lächerlich, mit der Faschismus-Keule auf alles einzuschlagen, was nicht „progressiv“ genug erscheint.

Sogar die taz bringt mittlerweile kritische Artikel zur Überdrehtheit progressiver Diskursführung, wenn man die so nennen will; und die einzige wirklich rechtsextreme Partei in diesem Land ist allem Anschein nach eher „Honeypot“-Projekt des Verfassungsschutzes als eine wirklich von überzeugten Rechten getragene politische Organisation. Wer alle Menschen rechts von der Mitte der SPD bei jeder sich bietender Gelegenheit als Nazis, Rassisten, Maskus etc. beschimpft, den kann auf Dauer niemand ernst nehmen.

Michael S.‘ Forderung nach einer „Netzinnenpolitik“2, vorgebracht auf einer Veranstaltung einer parteinahen Stiftung einer Partei, die auf dem Gebiet der Netzpolitik sowieso eine Nullnummer ist, wird also weitgehend ungehört verhallen. Michael S. wird keine strategisch wichtigen Plattformen auf die richtige, also seine, Seite ziehen, weil die Mehrheit der Menschen nicht auf seiner Seite ist.

  1. im poststrukturalistischen Sinn []
  2. Super kreativ gegenderter Neologismus übrigens… []

2 Gedanken zu „Michael S. oder: Der Zusammenbruch des Poststrukturalismus

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