Kein Lotse and Bord bei den Piraten oder: Die progressiven Depublizierer

Nur ein kurzer Rant: Das #Listengate rund um einige Piraten, die — nach eigenen Angaben aus Selbstverteidigung — gegen Piraten der sogenannten „peergroup“ ein Archiv mit Tweet-Screenshots gebastelt haben, erregt im Moment die Piraten-Gemüter.

Paradoxerweise erregen sich jetzt die linksextremen Piraten, ebenso wie „Datenschutz“-Piraten darüber, dass einmal öffentlich publizierte Daten sich nunmal nur mehr schwer zurücknehmen lassen. Obwohl es im Usenet und in Foren und bei Mailinglisten seit Ewigkeiten so ist, dass einmal geschriebene Beiträge möglicherweise für die Ewigkeit gespeichert bleiben.

Das eigentlich Schlimme am Listengate aber ist, dass sich hier offenbart, dass die Piraten selbst kein schlüssiges, einheitliches Konzept für eines ihrer angeblichen Kernthemen haben, nämlich das Urheberrecht und das Recht im Internet im allgemeinen.

Was die „Progressiven“ mit ihrem Wettern gegen das Screenshot-Archiv tun ist nicht anderes, als ein Recht für Urheber auf Depublikation zu fordern, wo man sonst vom Recht auf Privatkopie und Remix fabuliert. Je nach Gusto, politischer Richtung oder Tagesform sind Teile der Piraten für oder gegen Kopien (hier: von Tweets), für oder gegen Urheberrecht, für oder gegen Depublikation, für oder gegen Persönlichkeitsrechte, für oder gegen Recht der Öffentlichkeit auf Information oder Recht des Einzelnen auf „Vergessen“ von dessen Fehlern.

Die Position der linkextremen Piraten (Daten von NAZIS1 speichern und publizieren, Daten von „Progressiven“ schützen und depublizieren) ist dabei womöglich noch nicht einmal die am wenigsten nachvollziehbare.

Es ist eine bittere Wahrheit: Auch in Bezug auf die Kernthemen herrscht bei den Piraten heilloses Chaos, die Positionen reichen von Aluhut-Datenschutz-Paranoikern bis hin zur datenschutzkritischen Spackeria.

Ich denke, es ist angesichts der „normativen Macht des Faktischen“ nicht möglich, Depublikation als Option für den Umgang mit einmal veröffentlichten Daten zu denken. Das einzige, was möglicherweise denkbar und sinnvoll wäre ist, die Menschen durch entsprechende Gesetze und Regelungen stärker zu unterstützen Dienste pseudonym zu nutzen, damit Menschen sich im Internet einfacher hinter Pseudonymen verstecken können. Ein Recht auf pseudonyme Nutzung von Diensten und Tools für die einfache Erstellung pseudonymer eMail-Adressen wäre hier vielleicht ein Schritt in die richtige Richtung. Wenn z.B. eMail-Provider die Pseudonymitäts-Funktion des „ePerso“ unterstützen müssten, damit sich jeder Bürger beliebig viele pseudonyme eMail-Accounts erstellen kann, auch wenn das natürlich nicht im Interesse der eMail-Provider liegt, die mit den Daten der Kunden handeln und diese mit Werbung zuschütten wollen.

Aber wie auch immer: Aktuell haben die Piraten hier gar keine erkennbare Position. Das ist peinlich.

  1. im Sinne der Linksextremen: Alle, die nicht auch linksextrem sind []

3 Gedanken zu „Kein Lotse and Bord bei den Piraten oder: Die progressiven Depublizierer

  1. janndh

    Das mit dem Datenschutz ist ebenso eine Sache.

    Wenn ich etwas veröffentlicht habe, dann lässt sich das nur schwer wieder rückgängig machn.
    Und das ist aus meiner Sicht auch gut so.
    Privates unterliegt und muss strengstem Datenschutz unterliegen.

    Ein Text auf Twitter ist keine geschütze Kommunikation, eine Direktnachricht auf Twitter aber ist es.

    mails auf Mailinglisten sind quasiöffentlich, ausser es ist eine der wenigen geschlossenen Mailinglisten.

    Wer sich öffentlich gibt, muss damit rechnen und sich dessen bewusst sein das es andere lesen/ höhren oder sehen.

    Das sie sich daran erinnern, aufzeichnen oder eine Kopie davon anfertigen.

    Das ist eine Grundfunktion dieser elektronischen Medien.

    Was man daraus folgern kann: vor dem posten Hirn anschalten 🙂

    Wenn etwas vertraulich bleiben soll dann darf man auch keine öffentliche Kanäle benutzen.

    Private Daten schützen/ öffentliche nützen.

    Hat ein schlauer Mann mal gesagt:-)

    Das ist keine Konfliktlinie, das ist ein Graben der da durch die Piraten geht, und der bewältigt werden könnte wenn man darüber nachdenkt was man erreichen will.

    Pseydonym per eperso? Ehrlich der hat die Möglichkeit dazu?
    Aber ehrlich gesagt, trauen würde ich dem nicht.
    Da setz ich dann lieber einen Aluhut auf:-)
    Pseudonym geht viel einfacher und schneller mit irgendeinem Freemaildienst, und in verbindung mit Thunderbird.

  2. Skythe

    Leider bist du nicht wirklich auf das 2. Problem mit den Zuses eingegangen:
    Wieso sammeln diese Leute selektiv Informationen über bestimmte Leute, und was das über die Sammler aus?

    1. peter Beitragsautor

      Es geht mir nicht um die Zuses. Es geht mir um das fehlende Gesamtkonzept, wie man mit im Internet veröffentlichten Informationen generell umgehen will. In einem Rechtsstaat muss jeder ((ob Bürger oder Unternehmen)) das gleiche Recht haben zu speichern oder nicht zu speichern, egal ob Links oder Rechts. Dieser Einzelfall hier ist für mich nur ein Beispiel, dass die Piraten nichtmal ansatzweise eine Idee haben, wie man die vielen möglichen Fälle, wer was über wen speichert, mit einem allgemeinen Gesetz regeln könnte.

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