Per Mertesacker entlarvt den Sportnationalismus

Ich habe gestern das erste Interview mit Per Mertesacker nach dem Viertelfinaleinzug bei der Fußball-WM gesehen.

Und irgendwie glaube ich, dass ich jetzt verstehe, warum manche Menschen Deutschland in WM-Zeiten für besonders unerträglich halten1. Denn ich habe mich auch gefragt was eigentlich die Fragen sollen, warum sich die DFB-Herren-Auswahl gegen Algerien so schwer getan hat.

Man darf nicht vergessen, dass Algerien anscheinend im Moment zu den 16 besten Fußballmannschaften der Welt gehört.

Warum also die blöden Fragen, warum Deutschland Algerien nicht einfach niedergemäht, überrannt oder wie ein gutgläubiges Kleinkind ausgetrickst und mit Ganz-Viel-zu-Null gewonnen hat?

Was für eine überhebliche Erwartungshaltung kommt in solchen Fragen zum Ausdruck, warum bitte die deutsche Mannschaft und die deutsche Taktik der anderen Mannschaft und deren Taktik nicht haushoch überlegen gewesen sind?

Da kann man schon den Eindruck bekommen, dass im Kopf von Sportreportern die Vorstellung von einem „deutschen Übermenschenteam“ existiert, dass die Teams irgendwelcher „geringeren“ Nationen, also quasi alle, jederzeit mühelos besiegen können müsste.
Wenn sich dann sogar noch ein Spieler live vor der Nation rechtfertigen soll, warum sein Team diesem anscheinend selbstverständlichen Anspruch deutscher Überlegenheit heute nicht wie gewünscht genügt hat, ist das doch etwas bedenklich und absurd. Wenn man darüber nachdenkt, drücken solche Fragen durchaus etwas aus, was man „Sportnationalismus“ nennen könnte. Und der ist womöglich gar nicht mal so gut.

  1. Die Antideutschen und Linksextremen, z.B. []

4 Gedanken zu „Per Mertesacker entlarvt den Sportnationalismus

  1. Skythe

    „Wenn jetzt jemand behauptet, die Bewertung Deutschlands als haushohem Favoriten beruhe auf rassistischen Annahmen, sieht Gespenster und hat offensichtlich keine Ahnung von Fußball.“

    Danke. Stimme ich absolut zu.

    Auch ich habe mich über die Leistung der dt Mannschaft geärgert. Auch heute beim Spiel gegen Frankreich. Wieviele unbedrängte 2m-Pässe Schweinsteiger und Özil versaut haben… Wahnsinn.

    Wenn die gut spielen, kommt das angesprochene 5:1 zustande. Sorry, Algerien. Ein Nazi bin ich deshalb nicht.

  2. LoMi

    „Hat mit Nationalität nichts zu tun sondern nur mit Nicht auf der Höhe der Zeit sein.“

    Das kann ich unterschreiben. Der Sportjournalismus ist nicht sonderlich kompetent, um die Leistungsfähigkeit eines Teams zu beurteilen. Nach meinem Eindruck fehlt den meisten Journalisten und Kommentatoren das Wissen, um etwa das taktische Vorgehen einer Mannschaft zu verstehen. Hätten sie dieses Wissen, wären die Fragen an Mertesacker überflüssig gewesen. Einen Eindruck für die Gründe des Spielverlaufs kann man sich hier verschaffen: http://spielverlagerung.de/2014/07/01/deutschland-algerien-21-n-v/
    Da wird dann auch erkennbar, dass die deutsche Mannschaft Fehler machte, aber der Gegner eben auch recht clever agierte.

    Die Kommentatoren leben noch in einer Zeit des Heroenfußballs, wo es (angeblich) allein auf Kampf und Engagement ankam. Das ist lange vorbei. Es mag tatsächlich auch Zeiten gegeben haben, wo deutsche Mannschaften Spiele aufgrund ihrer Arroganz verschenkt haben. Das gilt keinesfalls für die aktuelle Truppe, die recht bescheiden auftritt und auch die nötige Einsicht darin hat, dass andere Mannschaften ebenfalls sehr gut Fußball spielen.

    Ich glaube auch, dass der Fußballfan an sich etwas vorsichtiger urteilt. Nach dem 4:0 gegen Portugal hat die Boulevardpresse Deutschland vorzeitig zum Weltmeister ausgerufen. Wenn man sich mit Leuten unterhielt, blieben die meisten skeptisch, weil sie halt wissen, wie es im Fußball läuft.

    Ein Ausdruck davon sind meiner Meinung nach auch Autokorsi nach gewonnenen Vorrundenspielen, ein Ausdruck dessen, das man die Feste feiern muss, wenn sie fallen. Dahinter verbirgt sich die Ahnung, dass die Gelegenheit für die Party selten sein kann und dass man nie wissen kann, ob man das nächste Spiel wirklich gewinnt.

  3. yacv

    Bin grad in Irland. Und die irischen Kommentatoren meinten hinterher erstaunt „Deutschland galt als klarer Favorit. Wir vergessen immer noch, wie sehr die Fußballwelt sich in den letzten 15 Jahren verändert hat. Früher gab es klare Favoriten, heute nicht mehr.“

    Hat mit Nationalität nichts zu tun sondern nur mit Nicht auf der Höhe der Zeit sein.

    1. Der nachdenkliche Mann

      „Wir vergessen immer noch, wie sehr die Fußballwelt sich in den letzten 15 Jahren verändert hat. Früher gab es klare Favoriten, heute nicht mehr.“

      Interessanterweise habe ich genau diesen Spruch schon im Vorfeld der WM 2002 gehört. Eine bloße Floskel, ohne Inhalt. Der taucht jedes Mal dann wieder auf, wenn die technisch limitierteren und daher defensiveren Teams einen Weg gefunden haben, die aktuellen Strategien der versierteren und offensiveren Teams zu durchkreuzen und es mal wieder Überraschungen gibt. Solche Phasen treten immer wieder auf, das ist ein Zyklus. In vier Jahren werden sich die großen Fußßballvereine und -nationen neue Varianten überlegt haben und dann heißt es wieder: Barca, Real, Bayern respektive Spanien, Brasilien, Italien sind unschlagbar.

      „Da kann man schon den Eindruck bekommen, dass im Kopf von Sportreportern die Vorstellung von einem “deutschen Übermenschenteam” existiert, dass die Teams irgendwelcher “geringeren” Nationen, also quasi alle, jederzeit mühelos besiegen können müsste.“
      Um ehrlich zu sein: Mein Tip für das Spiel war ein 5:1 für Deutschland. Ich bin kein Sportreporter – allerdings bin ich ein Fußballfreak. Ich schaue mir alles, was ich an Länder-, Europacup- und Bundesligaspielen sehen kann an. Ich mache mir meine Gedanken darüber und liebe es, mich mit meinen Buddys auf intellektuelle Weise darüber auseinanderzusetzen. Ich bin kein Schönwetterfan, so wie anscheinend 90% derjenigen, die sich momentan mal für Fußball interessieren.

      Schauen wir mal auf die Fakten: Die Champions League ist der mit Abstand stärkste Wettbewerb, den es im Weltfußball gibt. Nirgendwo ist das Tempo höher. Nirgendwo werden größere Summen bewegt.
      Von den Algeriern hat vergangene Saison nicht ein einziger Spieler in der Champions League gespielt. Bei den Deutschen waren es 12 der gestern eingesetzten 14. Davon haben sieben diesen Wettbewerb in den letzten zwei Jahren gewonnen.
      Die stärksten Ligen der Welt sind die spanische, englische, deutsche und italienische (siehe UEFA-Koeffizient). Alle deutschen Spieler spielen in diesen Ligen. Bei den Algeriern sind es neun, einer ist gerade mit dem AS Livorno in Italien abgestiegen.
      Oder schauen wir uns die aktuellen kulminierten Marktwerte der Spieler an: Deutschland 465,5 Mio €, Algerien 63,0 Mio. € (Quelle: http://www.wm-2014.net/ranking-marktwerte-der-32-wm-kader-brasilien-wertvollsten-1232733.html).

      Wenn jetzt jemand behauptet, die Bewertung Deutschlands als haushohem Favoriten beruhe auf rassistischen Annahmen, sieht Gespenster und hat offensichtlich keine Ahnung von Fußball. Diese Bewertung lässt sich mit sämtlichen Maßzahlen glasklar begründen, die es gibt, um die Qualität von Fußballspielern zu messen. Oder woran meinst du, dass es liegt, dass die gleichen Experten vor der WM Deutschland nur an Rang drei der Favoriten gesehen haben (nach Brasilien und Spanien)? Deiner Logik nach, müsste das ja daran liegen, dass wir Brasilianer und Spanier als rassisch höherwertig ansehen.
      Tatsächlich beruht diese Bewertung auf den selben Maßzahlen, nur dass die an der Spitze nicht mehr so eindeutig ausfallen wie wenn man eine nominell weltklasse besetzte mit einer nominell international zweitklassig besetzten Mannschaft vergleicht.
      Es zeigt aber auch, dass diese Maßzahlen nicht alles aussagen: Spanien ist in der Vorrunde hochkant rausgeflogen, Brasilien musste noch stärker um den Viertelfinaleinzug bangen als wir. Auch Außenseiter können im Fußball mit Teamgeist, Kampfeswillen und dem nötigen Quentchen Glück etwas erreichen. Dass das für den Favoriten eine Blamage bedeutet, hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern damit, dass die Wahrheit eben auf dem Platz liegt und nicht auf dem Papier. Das scheinen viele der Schönwetterfans einfach nicht zu kapieren. Ja, Deutschland war der haushohe Favorit. Aber für das einzelne Spiel bedeutet das nichts.

      Dazu kommt, dass das mal wieder so ein typisches von Joachim Löw vercoachtes Spiel war, aber das ist ein anderes Thema.

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