Juniorwahl läuft aus dem Ruder oder: Warum „wählen“ Schüler die NPD?

An der Nansen-Realschule sollen 25% der Schüler bei der Juniorwahl die NPD gewählt haben.

Die Lehrer reagierten auf das falsche Ergebnis der Abstimmung souverän mit … äh, der Absage einer Klassenfahrt – um so ein Zeichen gegen Rechts zu setzen.

Diese Reaktion ist meiner Meinung nach völlig falsch, und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens ist es statistisch absolut unwahrscheinlich, dass wirklich 25% der Schüler Rechte sind, die die NPD wählen würden – in einer echten Wahl. Zweitens ist die Junior-Wahl eine rein pädagogische Veranstaltung im Rahmen der politischen Bildung ohne Effekt, und alle, natürlich auch die Schüler, wissen, dass es dabei um nichts geht.
Darum kann man hier auch kein Zeichen gegen Rechts setzen, indem man den „falschen“ Wahlausgang saktioniert. Statt dessen setzt man ein Zeichen, dass Demokratie nur solange okay ist, wie die richtigen Ergebnisse herauskommen, und man zeigt seine Sympathie für das Mittel der Sippenhaft, indem man 100% der Schüler für die Tat von 25% bestraft. Was natürlich im Kampf gegen Rechts vielleicht eher weniger überzeugend ist.

Zweitens muss es für diese Aktion der Schüler irgendeinen Grund geben. Diesen zu suchen sollte die Schulleitung sich anstrengen.

Ich habe eine Idee, was der Grund sein könnte:

Als ich Schüler war, hat sich das Thema „NS-Zeit“ von Unter- bis Oberstufe durch alle Fächer gezogen. Auf mich hatte das den Effekt, dass ich den Eindruck hatte, ich hätte als „Angehöriger des Tätervolks“ irgendeine Art von „Nazi-Gen“ in mir. Nur durch konsequente Anti-Nationalsozialistische Indoktrination könne verhindert werden, dass der rechte Dämon in mir ausbräche, und ich anfinge Minderheiten zu verprügeln und einen Plan zur Erringung der Weltherrschaft zu entwerfen.

Und man muss schon sagen, dass das gewaltig nervt. Es ist auch absurd, wenn einerseits immer betont wird, dass natürlich alle Menschen gleich gut und gleich böse, gleich schlau und gleich dumm sind etc. pp., aber man das Gefühl hat, man hätte – trotz aller Gleichheit aller Menschen auf der ganzen Welt – als Deutscher oder zumindest in Deutschland zur Schule gehende Person das Merkmal „potenzieller irrer Massenmörger, Schlächter und KZ-Folterer“ automatisch erworben und müsse deshalb präventiv gehirngewaschen werden.

Wenn man zum tausendsten Mal genötigt wird, jetzt bitte das richtige Verhalten zu zeigen und schön demokratisch und vorbildlich zu sein, und zum tausendsten Mal erzählt bekommt, dass rechte Parteien böse sind, was man ja schon 999 Mal gehört hat, dann hängt einem das irgendwann zum Hals raus. Weil man sich nicht ernstgenommen, nicht respektiert, wie ein dummes kleines Kind behandelt fühlt. Wie soll man sonst interpretieren, wenn einem anscheinend auch nach 999 Iterationen nicht zugetraut wird die Lektion gelernt zu haben, die man nach dem ersten Mal schon verstanden hatte?
Und man hat das Gefühl, dass es hier um eine Konditionierung durch ständige Wiederholung geht, und nicht um eine Erziehung zu einem selbständigen Individuum, die man ja im Prinzip in einer Demokratie als Ziel von schulischem Handeln erwartet.

Schon allein die Mittel und die Zeit die eingesetzt werden um „NS-Zeit-Awareness“ zu erzeugen signalisieren den Schülern, dass jeder unter dringendem Verdacht steht, ohne diese Behandlung ein Nazi zu werden. Wenn man z.B. Schülern, die sonst aus Jugendschutzgründen mitunter keine FSK-16-Filme sehen dürfen, Bilder von verhungerten KZ-Häftlingen zeigt und detailliert von Vergasungen erzählt, wo sich ausgemergelte Mütter über die Körper ihrer toten Babies geworfen haben um sie zu schützen etc. pp., was normalerweise zu einem roten Label „Keine Jungendfreigabe“ führen würde, wird klar, dass Staat und Schule im Rahmen der Rechtsextremismus-Prävention relativ extreme Mittel einsetzen. Was — wenn wir mal kurz annehmen, dass so etwas in dieser Form überhaupt psychologisch sinnvoll und effektiv ist — nur den Grund haben kann, dass eine extreme Gefahr gesehen wird, dass Schüler „rechts“ werden, die mit extremen Mitteln bekämpft werden soll.
Und die Schüler spüren das, und sie fühlen sich mies behandelt und vorverurteilt und unter Generalverdacht gestellt, jedenfalls habe ich das in meiner Schulzeit so empfunden.

Ich vermute sehr stark, dass in diesem Unbehagen der Grund dafür zu suchen ist, dass die Schüler dieser Nansen-Realschule sich verabredet haben, bei dieser Juniorwahl „die NPD zu wählen“.
Denn damit haben die Schüler ein – nicht unbedingt kluges, aber wirksames – Zeichen gesetzt, dass sie keine Lust haben, sich als Stimmvieh herzugeben für diese Junior-Wahl, die keinen Effekt hat bzw. eigentlich nur dazu dient zu zeigen, wie supertoll die Schule es doch hingekriegt hat ihren politischen Bildungsauftrag zu erfüllen und aus potenziellen Nazis gute Staatsbürger zu machen. Ich interpretiere diese NPD-Wahl als Übersprunghandlung, als Ausbruch und Befreiungsschlag gegen die allgegenwärtige und die Schüler durch die implizite Annahme, diese sei notwendig, beleidigende Anti-Rechts-Immunisierung der Schule, die hier vermutlich in besonderem Maße übertrieben wurde.

Gleichzeitig haben die Schüler mit diesem Votum die Schule als Organisation entlarvt, in der jeder mit negativen Konsequenzen rechnen muss, wenn in einer „freien und geheimen“ Wahl einige „falsch“ abstimmen. Sämtliche Diktaturen der Geschichte lassen schön grüßen. Gratuliere, Nansen-Realschule (Slow Clap).1

Also, zusammenfassend, tl;dr;

– Sippenhaft wegen Falschwählern bei einer bedeutungslosen Wahl ist scheiße
– Das System der „NS-Immunisierung“ und präventiven Anti-Rechts-Pädagogik in der Schule ist übertrieben und provoziert auch durch seine extremen Mittel gerade bei intelligenteren Schülern Widerstand, weil sie erkennen, dass man ihnen implizit nicht zutraut ohne ständige Indoktrination und dutzende Wiederholungen des Themas in allen Fächern, von selbst, durch Nachdenken, kein Nazi zu werden.

  1. Sarkasmus, tatsächlich []

6 Gedanken zu „Juniorwahl läuft aus dem Ruder oder: Warum „wählen“ Schüler die NPD?

  1. FG

    Die Reaktion auf die Wahl entlarvt die ach so demokratischen Lehrer. Diese haben schlicht und einfach nicht verstanden, was Demokratie ist. Daß man darüber empört ist, daß der Demos die falsche Wahl getroffen hat, passt wohl eher in die Deutsche DEMOKRATISCHE Republik als in eine Demokratie.
    Ich finde es sehr bedenklich, daß solche Leute als Lehrer arbeiten dürfen. Anscheinend findet hier eine politische Indoktrination statt, die in einem neutralen Staat nicht existieren darf.

  2. Skythe

    Das ist schade, bei mir aber genauso. 🙂

    Ich wollte dir folgen, weil du paar ganz durchdachte Ansichten hast.

  3. Peloquin

    Wie immer ein toller sowie extrem politisch korrekter Beitrag. Schule soll und muss aufklären dabei aber selbständiges Denken fordern und fördern.
    Gerade in der Pupertät (und dem dabei oft genauen analysieren der Erwachsenenwelt) wird bei reflektierenden Schülern dieses Handeln auf Verständnislosigkeit treffen.
    Demkratische Dopelmoral? Wie jetzt?
    Eine unaufgeregte Diskussionsrunde mit den Schülern und Schülerinnen wäre hier m.M.n der richtige Weg gewesen.

  4. Skythe

    A) Bitte, bitte, Teaser auf der Startseite verwenden! 🙂 Man scrollt auf dem Handy 9h.
    B) Dein Twitter? Konnte nichts finden…

    1. peter Beitragsautor

      Vielleicht will ich gar nicht, dass mein Twitter-Account und mein Blog bidirektional verknüpft sind 🙂

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